WEBVTT
00:00:18.759 -->
00:00:25.959Hallo, ich heiße Hans und interessiere mich für Regionalgeschichte. In diesem Podcast geht es um Geschichten hinter
00:00:25.959 -->
00:00:33.829den Namen von ausgesuchten Straßen im Süden der Stadt Essen. Neue Folgen gibt es an jedem dritten Freitag des Monats. -
00:00:34.592 -->
00:00:42.112Halt, halt! Nachdem ich jetzt zweimal nicht rechtzeitig fertig geworden bin, mit der jeweils neuen Episode, habe ich
00:00:42.112 -->
00:00:50.692mich entschieden, dass ich eine gemächlichere Veröffentlichungsfrequenz benötige. Neue Folgen gibt es ab jetzt am 15.
00:00:50.692 -->
00:00:58.671eines jeden dritten Monats. Starten werde ich mit diesem Modus mit der nächsten Episode, Die am 15. Januar
00:00:58.671 -->
00:01:00.041veröffentlicht werden soll.
00:01:05.420 -->
00:01:14.875Jetzt aber die letzte der verspätet veröffentlichten Folgen. Diesmal geht es um die Frage, wie schwierig es sein kann,
00:01:15.425 -->
00:01:25.868historische Ereignisse eindeutig zu datieren, gerade in bewegten Zeiten. Zeiten der Umwälzung, Zeiten, die von neuen
00:01:25.868 -->
00:01:33.585Ideen, aber auch von kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt sind. Es geht um die ersten Jahrzehnte der Reformation.
00:01:34.215 -->
00:01:42.504Und was in diesen Jahren geschah, waren oft Prozesse. Die beginnen nicht im Rampenlicht und meist auch nicht an einem
00:01:42.504 -->
00:01:50.820klar zu benennenden Tag. Benötigt man später aus rechtlichen Gründen oder auch für eine Gedenkfeier ein konkretes
00:01:50.820 -->
00:01:59.983Ereignis oder gar ein konkretes Datum, dann kann das dazu führen, dass ein solches Ereignis fingiert wird, dass eine
00:01:59.983 -->
00:02:08.984Legende gesponnen wird und dass diese Legende irgendwann nicht mehr als solche, sondern als geschichtliche Tatsache
00:02:08.984 -->
00:02:09.754wahrgenommen wird.
00:02:11.227 -->
00:02:22.291Am 29. September 2025 feierte die evangelische Kirchengemeinde Werden ihr 475-jähriges Bestehen.
00:02:24.432 -->
00:02:36.907Bei der Berechnung ihres Alters bezieht sie sich auf eine Abendmahlsfeier in der Luciuskirche. Am 29. September 1550
00:02:37.555 -->
00:02:46.759habe Peter Ulner mit seiner Gemeinde das Abendmahl unter beiderlei Gestalt gefeiert. Die Gemeindeglieder hätten also
00:02:46.759 -->
00:02:58.027sowohl Brot als auch Wein empfangen. Und das sei damals ein deutliches Zeichen reformatorischer Erneuerung gewesen. Am
00:02:58.027 -->
00:03:10.53927.Januar 2025, also fast 476 Jahre später, stimmte die Bezirksvertretung Neun bei zwei Enthaltungen für die
00:03:10.539 -->
00:03:22.858Benennung des Platzes vor der Luciuskirche nach Peter Ulner. Im Sommer dann, am 19. Juli 2026, wurde der
00:03:22.858 -->
00:03:24.518Peter-Ulner-Platz eingeweiht.
00:03:26.882 -->
00:03:37.809Eine Festschrift wurde ausgegeben. Darin ist auszugsweise ein Vortrag abgedruckt, den Dr. Wessel de Weldige Cremer am 20.
00:03:37.809 -->
00:03:48.564September 2000 zur 450-Jahr-Feier der Gemeinde gehalten hat. Im dritten Absatz des Textes, nach einer kurzen Einleitung,
00:03:49.384 -->
00:03:58.123die das Prozesshafte der Reformation umreißt, schrieb er unmissverständlich, dass die Entstehungsgeschichte, die sich
00:03:58.123 -->
00:04:08.631auf Peter Ulner als Gründer beruft, einer historisch-kritischen Betrachtung nicht standhalte. Auf der Infotafel die am
00:04:08.631 -->
00:04:19.800Peter-Ulner-Platz steht, 2026 aufgestellt, also mehr als 25 Jahre später, wird das dann wieder nur vage angedeutet. Die
00:04:19.800 -->
00:04:29.500Entstehungsgeschichte mit Peter Ulner und dem Michaelistag 1550 wird als Überlieferung zitiert, und es folgt der für
00:04:29.500 -->
00:04:38.013leichte Distanz offene, aber ansonsten wiederhakenlose Satz: "Die evangelische Kirchengemeinde Werden führt ihre
00:04:38.013 -->
00:04:45.063Anfänge auf diesen Tag zurück." Immer wieder wurde als schriftlicher Beleg für diese Entstehungsgeschichte
00:04:45.592 -->
00:04:54.500eine Gravur auf dem Fuß eines Abendmahlskelches herangezogen. Dieser Kelch ist bis heute im Besitz der evangelischen
00:04:54.500 -->
00:05:10.901Kirchengemeinde Werden. Nach dem Christusmonogramm ist dort zu lesen MICHAEL. 1550. SUB. UTRAQ. SPEZIE. PET. ULLNERUS. P.
00:05:10.901 -->
00:05:11.581A. C.
00:05:16.457 -->
00:05:26.757Immer wieder, zuletzt in einem 1982 erneut herausgegebenen Text von Pfarrer Hans-Joachim Massner, wurde dieser Kelch nah
00:05:26.757 -->
00:05:36.463an das Ereignis herangerückt, das er belegen soll. Peter Ulner habe den Kelch als Erinnerung gespendet, schrieb Massner.
00:05:37.823 -->
00:05:49.103Der Text auf dem Fuß des Kelches ist demgemäß so zu verstehen. Auf das Christusmonogramm folgt zunächst das Datum,
00:05:49.704 -->
00:06:00.697der Michaelistag 1550. Dann das Ereignis, an das erinnert werden soll, also das Abendmahl unter beiderlei Gestalt. Und
00:06:00.697 -->
00:06:07.567schließlich Name und Beruf des Spenders Peter Ulner, Pastor Augsburger Konfession.
00:06:09.886 -->
00:06:19.393Die Augsburger Konfession, auf Lateinisch Confessio Augustana, ist eine grundlegende Bekenntnisschrift der Wittenberger
00:06:19.393 -->
00:06:27.095Reformation. Sie wurde unter anderem von Philipp Melanchthon verfasst, damit die reformatorisch gesinnten Reichsstände,
00:06:27.434 -->
00:06:36.224angeführt von Kurfürst Johann von Sachsen auf dem Augsburger Reichstag von 1530, ihre Position darstellen konnten.
00:06:38.971 -->
00:06:47.551Die Entstehung des Kelches wird heute aufgrund barocker Stilelemente und wegen Beschau- und Meisterzeichen im 17.
00:06:47.551 -->
00:06:59.779Jahrhundert vermutet. Der Kelch könnte aus Erfurt stammen, aus der Werkstatt des Goldschmieds Jakob Engau. Engau lebte
00:06:59.779 -->
00:07:16.432von 1602 bis 1678. Sein Wirken als Meister ist ab 1635 nachgewiesen. Peter Ulner, der am 6. September 1595 mit fast 72
00:07:16.432 -->
00:07:24.868Jahren verstarb, kommt damit als Spender des Kelches nicht in Frage. Allerdings könnte der Kelch 100 Jahre nach dem
00:07:24.868 -->
00:07:34.768vermeintlichen Gründungsdatum Verwendung gefunden haben. Und zwar am Michaelistag 1650. Dem Tag der Weihe der ersten,
00:07:34.768 -->
00:07:43.239selbst erbauten Kirche der evangelischen Gemeinde Werden Allemal, der Kelch ist ein ehrwürdiger,
00:07:43.368 -->
00:07:55.497geschichtsträchtiger Gegenstand. Und diesen ehrwürdigen Kelch erwählte irgendwann zwischen 1811 und 1846 Friedrich
00:07:55.497 -->
00:07:55.887Rommel.
00:08:02.117 -->
00:08:09.464Robert Hempel war der Nachfolger von Friedrich Rommel als evangelischer Pfarrer der Gemeinde Werden. In der
00:08:09.464 -->
00:08:19.227Rheinisch-Westphälischen Zeitung vom 10. Mai 1894 erklärte er, dass sein Vorgänger irgendwann während seiner
00:08:19.227 -->
00:08:29.562Amtszeit die eben zitierte Inschrift am Fuß des ehrwürdigen Abendmahlskelches habe anbringen lassen. Nähere Angaben,
00:08:29.562 -->
00:08:39.699wann genau und warum das geschehen war, machte Robert Hempel nicht. Ein spekulativer Einschub. Friedrich Rommel war
00:08:39.699 -->
00:08:46.839lange Pfarrer in Werden. Er beschäftigte sich nachweislich mit Peter Ulner. Vielleicht vermisste er schriftliche
00:08:46.839 -->
00:08:54.979Nachweise für den in der Gemeinde überlieferten Gründungsakt durch Peter Ulner. Oder er befürchtete, dass andere
00:08:54.979 -->
00:09:03.731solche Nachweise vermissen könnten. Immerhin stand die 300-Jahr-Feier des Bestehens der Gemeinde bevor, sofern man der
00:09:03.731 -->
00:09:11.220Überlieferung Glauben schenkte. Und wenn man das tat, war es da nicht einfach nur ein wenig Unterstützung für die
00:09:11.220 -->
00:09:18.190glaubensschwächeren, vielleicht auch für die nicht-evangelischen Mitmenschen, wenn man am Fuß des ehrwürdigsten
00:09:18.190 -->
00:09:23.489Abendmahlskelches, der sich im Besitz der Gemeinde befand, eine Gravur anbringen ließ?
00:09:28.624 -->
00:09:40.338Aber warum ließ sein Nachfolger, warum ließ Robert Hempel Friedrich Rommel am 10. Mai 1894 aufliegen? Robert Hempel
00:09:40.338 -->
00:09:50.499war 1894 schon zehn Jahre lang nicht mehr in Werden tätig. Der Gemeinde war er aber noch verbunden. Deren Pfarrer war
00:09:50.499 -->
00:10:01.811er von 1847 bis 1884, also 37 Jahre lang, gewesen. Er hatte eine Geschichte der evangelischen Gemeinde zu Werden
00:10:01.901 -->
00:10:14.882verfasst. Die wurde dreimal, zuletzt 1925, wieder aufgelegt. Die erste Ausgabe dieser Schrift erschien 1850, also zur
00:10:14.882 -->
00:10:22.621300-Jahr-Feier der Gemeinde Werden. Sofern man der Entstehungsgeschichte folgt, die Peter Ulner als Gründungsvater
00:10:22.621 -->
00:10:31.325ansieht. Und das tat Robert Hempel. Im Jahre 1894, als er öffentlich machte, durch wen die Gravur auf den Fuß des
00:10:31.325 -->
00:10:41.201Kelches gekommen war, war Robert Hempel, Konsistorialrat, am Sitz der Regierung der Rheinprovinz in Koblenz. Er verstarb
00:10:41.201 -->
00:10:52.5551898, mit 80 Jahren. Warum also ließ er vier Jahre vor seinem Tod seinen Werden der Amtsvorgänger auffliegen? Gab
00:10:52.555 -->
00:10:58.265bekannt, dass Friedrich Rommel die Inschrift am Fuß des sogenannten Ulner Kelches hatte anbringen lassen.
00:11:00.376 -->
00:11:09.395Ein vager Hinweis, dass die Inschrift später entstand, findet sich zumindest seit der zweiten Ausgabe von 1893 in
00:11:09.395 -->
00:11:16.661seiner Geschichte der evangelischen Gemeinde zu Werden. Einen Monat bevor Hempel seinen Vorgänger auffliegen ließ,
00:11:17.211 -->
00:11:25.561hatte er am 11. März 1894 anonym ein mehrbändiges geschichtliches Werk in der Rheinisch-Westfälischen Zeitung
00:11:25.561 -->
00:11:35.080besprochen. Dieses Werk hieß Geschichte der Pfarreien im Gebiete des ehemaligen Stiftes Werden an der Ruhr. Verfasser
00:11:35.080 -->
00:11:46.564war der katholische Pfarrer Peter Jacobs. Geboren 1848, wurde er 1872 zum Priester geweiht. Er war als Priester immer in
00:11:46.564 -->
00:11:55.427Werden tätig, davon 40 Jahre als Pfarrer der Strafanstalt. Die war in den Gebäuden der mittlerweile ehemaligen Abtei
00:11:55.427 -->
00:12:06.393untergebracht. Heute befindet sich dort übrigens die Folkwang-Universität. Vor, Dr. Peter Jacobs, die umfangreiche
00:12:06.393 -->
00:12:16.475Schrift war seine Doktorarbeit, er hatte historisch in allen Punkten Recht, vor allem in einem: Peter Ulner hat die
00:12:16.475 -->
00:12:19.185evangelische Gemeinde in Werden nicht gegründet.
00:12:21.781 -->
00:12:28.997Es entspann sich eine Pressefehde. Während Peter Jacobs seine Beiträge in der katholischen Essener Volkszeitung
00:12:28.997 -->
00:12:34.836veröffentlichte, wurde die Gegenansicht von Robert Hempel in der bereits erwähnten, evangelisch gesinnten
00:12:34.836 -->
00:12:45.054Rheinisch-Westphälischen Zeitung abgedruckt. Neben Ansichten und Argumenten wurden Beleidigungen ausgetauscht. Hempel
00:12:45.054 -->
00:12:47.174hielt seinem katholischen Widersacher vor:
00:12:47.119 -->
00:12:47.939Nur
00:12:47.939 -->
00:12:57.753solche Quellen werden als glaubwürdig angenommen, die der Verfasser zu seinem Zwecke benutzen kann. Und aus anderen
00:12:57.753 -->
00:13:08.667wird nur das geschöpft und außer dem Zusammenhang angeführt, was hierzu dienlich erscheint. Das Dogma korrigiert die
00:13:08.667 -->
00:13:08.967Geschichte."
00:13:08.883 -->
00:13:17.926Die Evangelische Rheinisch-Westphälische Zeitung wirft Peter Jacobs in einem abschließenden Beitrag vor, er habe seine
00:13:17.926 -->
00:13:27.979Doktorarbeit nach bekannten ultramontanistischen Mustern verfasst. Ultramontanistisch, ein Schimpfwort, so altmodisch,
00:13:28.265 -->
00:13:38.471dass es heute erklärt werden muss Ultra montes, lateinisch für jenseits der Berge, gemeint sind die Alpen, kritisiert
00:13:38.471 -->
00:13:46.136wird ein Rom, also Papst - zentrierter Glaube. Dr. Jacobs konnte aber auch zurückgeben.
00:13:46.802 -->
00:13:57.622Eine historische Darstellung, die sich an die Quellen anschließt und nicht die Geschichte zusammenphantasiert, muss
00:13:57.622 -->
00:14:07.983daher den Übertritt Ulners mit seiner Gemeinde in das Reich der Fabel verweisen. Damit Gott befohlen: Herr
00:14:07.983 -->
00:14:13.493Konsistorialrat, früherer Pfarrer und Historiker Hempel.
00:14:14.529 -->
00:14:22.548Auch, wenn er historisch in allen Punkten Unrecht hatte. Das letzte Zitat in dieser Sache kommt aus der evangelischen
00:14:22.548 -->
00:14:24.877Ecke, also von Robert Hempel.
00:14:25.711 -->
00:14:35.631Sie wagen es der evangelischen Gemeinde werden, ins Angesicht zu sagen, dass sie seit Jahrhunderten statt einer
00:14:35.631 -->
00:14:45.531Thatsache "eine Mythe" gefeiert habe. Dabei ist besonders charakteristisch für ihre Kampfesweise, dass sie den
00:14:45.531 -->
00:14:56.651betreffenden Geistlichen, meinen Vorgänger Rommel, der, wie ich selbst berichtet habe, diese Inschrift auf dem Kelch
00:14:56.651 -->
00:15:08.688hat gravieren lassen, verdächtigen, er habe es nicht verschmäht, den Urkunden und der Tradition auf künstliche Weise
00:15:08.688 -->
00:15:09.628nachzuhelfen.
00:15:11.648 -->
00:15:17.508Ich bin mit Ihnen fertig, Herr Strafanstaltspfarrer Dr. Jacobs.
00:15:18.516 -->
00:15:27.413Also, aber nur als Vermutung, Robert Hempel hat die Inschrift am Fuß des Kelches zu Beginn dieser Kontroverse als
00:15:27.413 -->
00:15:34.475relativ frisch geoutet, nämlich als eine Inschrift, die von seinem Vorgänger angebracht worden war, weil er wusste,
00:15:34.552 -->
00:15:41.097oder doch befürchten musste, dass man ihm diesen Umstand sonst um die Ohren hätte hauen können. Auf das vage
00:15:41.097 -->
00:15:48.277Eingeständnis Hempels in seiner zweiten Auflage der Geschichte der evangelischen Gemeinde weist auch Pfarrer Jacobs in
00:15:48.277 -->
00:15:55.906seiner Arbeit hin. Vielleicht gab es noch ältere Gemeindemitglieder, die den Kelch ohne Inschrift kannten, und die
00:15:55.906 -->
00:16:02.713vielleicht hätten plaudern oder gar Hempel in Verdacht hätten bringen können. Mit seinem offensiven Geständnis kam
00:16:02.713 -->
00:16:11.331er nicht nur der Gegenseite zuvor. Er bewies auch seine Ehrlichkeit. Wenn er ein solches Argument in Wahrheitsliebe aus
00:16:11.331 -->
00:16:18.218der Hand gab, dann musste er doch in allen anderen Punkten Recht haben!? Historisch liegt Hempel mit seiner Darstellung
00:16:18.218 -->
00:16:26.685der Entstehungsgeschichte der evangelischen Gemeinde Werden, jedenfalls nach heutiger Forschung, falsch. Ob er das
00:16:26.685 -->
00:16:34.953mittlerweile selbst befürchtete? Das lässt sich nicht klären. In jedem Fall hatte er sich mit seinem Namen und seinem
00:16:34.953 -->
00:16:42.748Ruf voll darauf eingelassen, die überlieferte Entstehungsgeschichte als historische Tatsache anzusehen. Er hätte in
00:16:42.748 -->
00:16:50.818keinem Fall zurückrudern können. Er war schließlich Zeremonienmeister der 300-Jahr-Feier gewesen, hatte die
00:16:50.818 -->
00:16:57.678Geschichte der Werdener Reformation entsprechend geschrieben und diese als historische Tatsache seiner Gemeinde sowie
00:16:57.678 -->
00:17:05.457deren Stützen und Geldgebern verkündet. So versuche ich mir irgendwie die außerordentlich empörungsreichen
00:17:05.457 -->
00:17:14.757Reaktionen auf seinen Widersacher Dr. Jacob zu erklären. Denn abgesehen davon, dass Hempel bei der Beschreibung des
00:17:14.757 -->
00:17:21.676Entstehungsaktes eine Überlieferung als historische Tatsache schildert liest sich seine kenntnisreiche Geschichte der
00:17:21.676 -->
00:17:30.319evangelischen Gemeinde zu Werden auch heute noch flott weg. Nebenbei, in digitalisierter Form für lau zu haben, wie
00:17:30.319 -->
00:17:40.043übrigens auch die Schrift des Dr. Jacobs. Links finden sich in den Shownotes. Hempel beschreibt eigentlich auch, warum
00:17:40.043 -->
00:17:46.943man in Werden bei der Bestimmung des Gründungsmoments der evangelischen Gemeinde auf eine Legende fast schon
00:17:46.943 -->
00:17:47.913zurückgreifen musste.
00:18:30.675 -->
00:18:39.451Das war ein Auszug aus der Komposition »Say Love« von John Dowland. Von diesen Komponisten des elisabethanischen
00:18:39.451 -->
00:18:48.643Zeitalters waren bei der Einweihung des Peter-Ulner-Platzes Werke zu hören, dargeboten von Mitgliedern der Brassband
00:18:48.643 -->
00:18:57.796Essen. John Dowland verbrachte einige Zeit am Hof von Heinrich Julius in Wolfenbüttel, dem Enkel des Herzogs, bei dem
00:18:57.796 -->
00:19:06.249Peter-Ulner zwei Generationen zuvor mehrere Jahre lang Hofprediger gewesen war. Doch davon etwas später.
00:19:07.775 -->
00:19:16.411Es fällt nicht leicht, ein geschlossenes Bild von den weiteren Geschehnissen zu geben. So leitet Hempel seinen Bericht
00:19:16.411 -->
00:19:24.460über das ein, was in den Jahren nach der vermeintlichen Gemeindegründung durch Peter Ulner geschah. In den
00:19:24.460 -->
00:19:32.721Nachbargemeinden sei die Reformation inzwischen heimisch geworden. In Kettwig sei Pater Grimhold 1609 mit seiner
00:19:32.721 -->
00:19:42.897Gemeinde zum reformierten Glauben übergetreten. Die Peterskirche wurde zur Kirche am Markt. Bereits 1560 habe sich ein
00:19:42.897 -->
00:19:49.637evangelischer Pfarrer in Velbert niedergelassen. Dort habe man mit der lutherischen Gemeinde Besitz von der Kapelle der
00:19:49.637 -->
00:19:59.349Heiligen Ida ergriffen. In Werden, sozusagen im Schatten der Reichsabtei finden sich zwar immer wieder lutherisch
00:19:59.349 -->
00:20:06.992gesinnte Christen zusammen, es gelingt aber nicht, eine feste Predigtstätte zu übernehmen. Dabei werden auch die Namen
00:20:06.992 -->
00:20:16.643und Geschichten von herausragenden Predigern überliefert. Manche noch katholisch, andere offen reformatorisch. So vor
00:20:16.643 -->
00:20:24.902allem Pastor Franz Homberg, der in der Clemenskirche predigte. Er war zunächst katholisch, Benediktiner und Mönch in
00:20:24.902 -->
00:20:33.649Werden und trat dann zum lutherischen Glauben über. Immer radikaler sei sein Auftreten geworden, unterstützt von
00:20:33.649 -->
00:20:44.412Vertretern der Stadt. zwischen Abtei und Stadt Werden und zur Gründung einer lutherischen Gemeinde. 1603 musste Homberg
00:20:44.412 -->
00:20:48.705zunächst weichen. Im folgenden Jahr kehrte er zurück.
00:20:51.481 -->
00:20:58.6671607 verlegte er dann auf einen herzoglichen Ausweisungsbefehl hin seinen Tätigkeitsschwerpunkt nach Repelen in der
00:20:58.667 -->
00:21:08.994Nähe von Moers, wo er 1621 verstarb. Überliefert ist ein Ausspruch, der in seiner Lutherhaftigkeit eigentlich nur
00:21:08.994 -->
00:21:17.234erfunden sein kann. Der Küster habe die Messgewänder bereitgelegt und Franz Homberg habe sie mit den Worten
00:21:17.234 -->
00:21:27.154zurückgewiesen, "Mich friert nicht, ich habe der Kleider genug an!" Gepredigt wurde in den Filialkirchen der Abtei,
00:21:27.464 -->
00:21:35.852vor allem in der Clemenskirche, aber auch in der Münsterkirche. Übernahmen jedoch von Predigtstätten durch die
00:21:35.852 -->
00:21:43.320evangelische Gemeinde gab es nicht, obwohl es Unterstützung vom Bürgermeister und vom Rat der Stadt werden gab.
00:21:43.739 -->
00:21:54.294Evangelische Gottesdienste konnten oder mussten in dieser Zeit oft auch in einem Saal des Rathauses gefeiert werden. Und
00:21:54.294 -->
00:22:01.383dann kamen noch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges hinzu. In dem unterstützten manche Kriegsparteien den Alten,
00:22:01.542 -->
00:22:12.881aber andere eben auch den Neuen Glauben. Hugo Preutäus war Abt in Werden "1629 war Prutäus auf dem besten Wege",
00:22:12.891 -->
00:22:23.215schreibt Hempel,"Protestantismus in Werden auszurotten". Und nur ein Jahr später, der Umschwung. Der Kurfürst von
00:22:23.215 -->
00:22:31.828Brandenburg hatte sich die Vogteigewalt in Werden gesichert. "Nach weiterem Hin und Her dann waren 1634 wieder alle
00:22:31.828 -->
00:22:40.184Kirchen außerhalb des Abteiinneren in evangelischen Händen. " vermeldet Hempel. Allerdings wusste man sich das
00:22:40.184 -->
00:22:49.234evangelisch sein, jetzt mit den Reformierten teilen. 1629 waren niederländische Truppen in Werden stationiert gewesen.
00:22:50.049 -->
00:22:52.969Reformierte gab es nunmehr nicht nur in Kettwig.
00:22:54.073 -->
00:23:05.9031634 kam es dann zu Zeugenvernehmungen, deren Protokolle noch in den Archiven erhalten sind. Bestätigt werden sollte,
00:23:05.903 -->
00:23:15.577dass die lutherische Gemeinde bereits lange bestand, und zwar seit der Zeit Peter Ulners, also etwa seit 1550. Es ging
00:23:15.577 -->
00:23:24.683darum, Besitzansprüche der lutherischen Gemeinde zu begründen. Auf die beiden Filialkirchen der Abtei, auf St. Lucius
00:23:24.683 -->
00:23:33.163und St. Clemens und auf deren Einkünfte. Anspruchsgegner waren in dieser Sache weniger die Katholiken. Vielmehr ging es
00:23:33.163 -->
00:23:40.799darum, der weiteren Ausbreitung des reformierten Glaubens entgegenzuwirken. Zu entscheiden hatte zu dieser Zeit die
00:23:40.799 -->
00:23:47.957brandenburgische Regierung in Emmerich. Militärischen Einfluss in der Region hatten damals bereits vorwiegend
00:23:48.177 -->
00:23:57.042lutherisch orientierte hessische Truppen. Die Gelegenheit war also günstig. Aber die Regierung in Emmerich habe für
00:23:57.042 -->
00:24:03.657alles Belege verlangt, liest man bei Peter Wallmann. Er hat sich ausführlich mit den Zeugenvernehmungen
00:24:03.657 -->
00:24:12.844auseinandergesetzt. Eine historische Aussagekraft haben die Zeugenaussagen aber nicht. Begründung folgt gleich. Nicht
00:24:12.844 -->
00:24:22.676immer sahen das alle so. Hier ein Zitat aus dem Streit Hempels mit Dr. Jacobs Jacobs habe die Zeugen des Meineids
00:24:22.676 -->
00:24:26.670beschuldigt, empörte Robert Hempel sich Und er fuhr fort:
00:24:26.944 -->
00:24:36.264Wie nennt man das, wenn jemand Verstorbene, welche sich nicht mehr verteidigen können, solcher Niederträchtigkeit
00:24:36.264 -->
00:24:36.974beschuldigt?
00:24:37.774 -->
00:24:49.281Jeden Zweifel an den Zeugenaussagen wollte Hempel wohl als Sakrileg unterdrücken. Die Befragung im Jahre 1634 fand aber
00:24:49.281 -->
00:24:59.311eindeutig zu dem beschriebenen Zweck statt. Es sollten keine fraglichen Umstände abgeklärt werden. Im Gegenteil, die
00:24:59.311 -->
00:25:03.351ebenfalls protokollierten Fragen gaben die Antworten bereits vor.
00:25:05.725 -->
00:25:14.584Alle Zeugen berichteten vom Hörensagen. Angesichts des zeitlichen Abstandes von 80 Jahren konnte das auch gar nicht
00:25:14.584 -->
00:25:25.158anders sein. Das folgende Zitat ist, man muss es dazu sagen keine Zeugenaussage. Es ist als Frage im Protokoll der
00:25:25.158 -->
00:25:26.698Zeugenvernehmungen notiert.
00:25:27.119 -->
00:25:40.919Erstlich wahr und Zeugen bewusst, dass Herr Petrus Ulnerus, gewesener Pastor des Kirchspiels Neukirchen , die
00:25:40.919 -->
00:25:53.113lutherische und Lehre Augsburger Konfession allhier zu Werden. in der Münster- und Kirchspielkirchen angefangen, anno
00:25:53.113 -->
00:26:10.6001550, introduziert. Auch zum Zweiten wahr, dass Herr Petrus Ulnerus wegen solchen seines Predigamtes die Pastorat
00:26:10.600 -->
00:26:19.486Neukirchen, deren Zubehör und Intraden völlig und ohne Abbruch zehn Jahre gebraucht.
00:26:20.639 -->
00:26:30.669Na, was soll man da antworten? Der erste Zeuge, Johann Koehl, etwa 75 Jahre alt, gab zu Protokoll:
00:26:31.170 -->
00:26:40.590Dass er solches in seiner Jugend von seinen Eltern und anderen Leuten zu Herrn Petrum Ulnerum gekannt, oftmals sagen
00:26:40.590 -->
00:26:54.070gehörte, dass er allhier zu Werden, die lutherische Lehre augsburgischer Konfession ungefähr im Jahre 1551 in der
00:26:54.070 -->
00:26:59.580Kirchspielskirchen und Münsterkirchen zu predigen und zu lehren, angefangen hab.
00:27:00.358 -->
00:27:08.638Zur zweiten Frage erklärte er knapper, dieser Sachverhalt treffe, nach dem, was er von seinen Eltern und anderen
00:27:08.638 -->
00:27:19.509gehört habe, zu. Sowohl die Fragen als auch die Antworten enthalten Angaben, die unzweifelhaft falsch sind und die auch
00:27:19.509 -->
00:27:28.081schon damals bei Kenntnis des Lebenslaufs von Peter Ullner als falsch hätten erkannt werden können. Aus den
00:27:28.081 -->
00:27:37.340tatsächlich vier Jahren seiner Amtszeit in der Luciuskirche wurden in der Zeugenaussage elf. Auch die Stationen seines
00:27:37.340 -->
00:27:45.351weiteren beruflichen Weges wurden nicht in der korrekten Abfolge angegeben. Eigentlich ist es an dieser Stelle schon
00:27:45.351 -->
00:27:53.518keine Frage mehr. Aber ob Peter Ullner in Werden gemäß der lutherischen Lehre augsburgischer Konfession gepredigt hat,
00:27:54.010 -->
00:28:03.712darum geht es gleich noch einmal. Die Antwort wird eindeutig "Nein. " lauten. Erstmal stellt sich aber die Frage, wie
00:28:03.712 -->
00:28:10.492waren die Daten über die Lebensgeschichte eines Mannes, der in jungen Jahren seine berufliche Laufbahn in Werden
00:28:10.492 -->
00:28:18.980startete, überhaupt 80 Jahre später in Werden noch verfügbar? Der folgende kurze Abschnitt enthält einige
00:28:18.980 -->
00:28:29.391Spekulationen. Ich markiere sie aber nicht jedes Mal einzeln als solche, um den Erzählfluss zu erhalten. Von den Zeugen
00:28:29.391 -->
00:28:37.696stammen die Daten über Peter Ullner offensichtlich nicht, da sie ihnen in den Mund gelegt werden mussten. Hät es
00:28:37.696 -->
00:28:45.916Zeugen mit lebendigeren eigenen Erinnerungen an Peter Ullner und sein Wirken gegeben, hätte man doch sicher die
00:28:45.916 -->
00:28:46.896aussagen lassen.
00:28:49.662 -->
00:29:00.252Mir scheint, es gab bei den einfachen Leuten in der Werdener evangelischen Gemeinde 1634 keine Erinnerung mehr an Peter
00:29:00.252 -->
00:29:10.611Ullner. Mal schauen, ob die Interpretation des Liedes »Eine feste Burg ist unser Gott« durch die United States Army
00:29:10.611 -->
00:29:15.031Band von 2018 euch im Gedächtnis bleiben .
00:30:35.730 -->
00:30:43.150Wie kamen nun aber einige führende Gemeindeglieder in Werden, nämlich jene, die die Befragung initiierten und
00:30:43.150 -->
00:30:54.311gestalteten, 1634 überhaupt auf Peter Ulner und an seine Lebensdaten? Hier tritt der Maler Bartholomäus Bruyn auf,und
00:30:54.311 -->
00:30:56.951vor allem zwei seiner Söhne betreten die Bühne.
00:30:59.038 -->
00:31:09.738Bartholomäus Bruyn, der Ältere, hieß sich als Maler 1517, in den zwei folgenden Jahren und noch einmal um 1541 in
00:31:09.738 -->
00:31:19.750Werden auf. Er restaurierte unter anderem den heute nicht mehr erhaltenen Hochaltar der Abteikirche. Er heiratete
00:31:19.750 -->
00:31:33.258zwischen 1515 und 1520 Agnes Joest, eine Tochter seines Lehrers Jan Joest. Das Ehepaar hatte fünf Kinder. An deren Sohn
00:31:33.258 -->
00:31:43.177Bartholomäus den Jüngeren, der in Köln lebte, wandte sich Peter Ulner, als er 1560 ein Porträt von sich malen lassen
00:31:43.177 -->
00:31:53.504wollte oder musste. Das war knappe zehn Jahre nach seiner Zeit als Pastor der Luciuskirche in Werden. Peter Ulner war
00:31:53.504 -->
00:32:02.447mittlerweile Stellvertreter des Abts im Kloster Berge bei Magdeburg. Im folgenden Jahr wurde er Abt. Als solchen
00:32:02.447 -->
00:32:09.627bezeichnete ihn eine auf der Innenseite des Porträts angebrachte Inschrift bereits, obwohl Heinrich Zirow, sein
00:32:09.627 -->
00:32:22.641Vorgänger als Abt, erst 1561 verstarb. 1565 dann, mit einer lutherischen Predigt am 25. August, erklärte Abt Ulner mit
00:32:22.641 -->
00:32:32.094seinem Konvent den Übertritt zur Reformation Bereits in dem Porträt von 1560 kann man aber eine Hinwendung zum
00:32:32.094 -->
00:32:41.732Protestantismus erkennen. Das Porträt ist Teil eines Diptychons. Als Diptychon werden zweiteilige Gemälde bezeichnet,
00:32:41.732 -->
00:32:49.768die in der Regel mit Scharnieren zum Aufklappen verbunden sind. Auf dem einen Bildrand des Diptychons ist ein Bibelzitat
00:32:49.768 -->
00:33:02.264zu lesen. Jesaja 43, die Verse 24 und 25. Und zwar in der Übersetzung Luthers "Ich aber tilge deine Übertretungen um
00:33:02.264 -->
00:33:12.437meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht". Der Text, der die Tafel auf der Ulner abgebildet ist, umrandet, endet
00:33:12.437 -->
00:33:21.423mit »Sein Blut allein macht mich gerecht«, für Hörer*Innen, die wie ich nicht ganz so bewandert sind in Themen des
00:33:21.423 -->
00:33:31.991christlichen Glaubens. Am 31. Oktober 1517 schickte Luther seine 95 Thesen als Beilagen zu einem Brief an den Erzbischof
00:33:31.991 -->
00:33:42.819Albrecht von Mainz und Magdeburg. Sie dienten der Klärung der Frage nach der Kraft des Ablasses. Luther sprach sich
00:33:42.819 -->
00:33:49.899darin gegen den Missbrauch des Ablasses durch die Kirche und besonders gegen den geschäftsmäßigen Handel mit
00:33:49.899 -->
00:34:01.775Ablassbriefen aus. Gegen Geld konnte man Ablass erwerben, also den Erlass zeitlicher Sündenstrafen. Und dazu gehörte
00:34:01.775 -->
00:34:10.130nach damaliger Vorstellung auch die Verkürzung der Zeit, die eine Seele im Fegefeuer verbringen musste. Erlösung der
00:34:10.130 -->
00:34:19.360Sünder, also der Menschen, erfolgt jedoch gemäß der das Porträt umrandenden Schrift allein aus der Gnade Gottes. Das
00:34:19.360 -->
00:34:29.244ist der evangelisch-lutherische Inhalt dieser Inschrift. Ein weniger aussagekräftiges, aber doch weiteres Indiz dafür,
00:34:29.244 -->
00:34:37.734dass die Abwendung vom alten Glauben 1560 fortgeschritten ist. Peter Ulner ließ sich in der Kleidung eines
00:34:37.734 -->
00:34:47.355bürgerlichen Gelehrten und nicht im Mönchshabit porträtieren. Bartholomäus Bruyn wird dieses Bild nach Gesprächen
00:34:47.355 -->
00:34:54.886über die Vorstellungen seines Auftraggebers erstellt haben. Der Maler war also über die damals aktuellen religiösen
00:34:54.886 -->
00:35:02.736Auffassungen von Peter Ulner informiert. Er wird auch Details über dessen Berufsweg nach der Zeit in Werden erfahren
00:35:02.736 -->
00:35:11.194haben. Warum das in diesem Zusammenhang eine Rolle spielt? Bartholomäus Bruyn, der Jüngere, hatte Kontakte nach Werden.
00:35:12.195 -->
00:35:19.425Und ich versuche darzustellen, wie Informationen über den weiteren Lebenslauf Peter Ulners nach Werden zurückgelangt
00:35:19.425 -->
00:35:27.496sind. Bartholomäus Bruyn, der Jüngere, kannte Werden aus Zeit, als er dort mit seinem Vater gearbeitet hatte. Seine
00:35:27.496 -->
00:35:36.672Frau Agnes Padberg, mit der er sich 1550 vermählte, stammte aus Werden. Vor allem aber hatte er über seinen jüngeren
00:35:36.672 -->
00:35:47.332Bruder Matthias Kontakt nach Werden. Matthias war dort seit 1551 unter dem Klosternamen Paulus als Rentmeister des
00:35:47.332 -->
00:35:59.398Klosters tätig. Also für die wirtschaftlichen Belange zuständig. Seit 1561 war er Pfarrer der Luziuskirche. Erinnert
00:35:59.398 -->
00:36:09.185euch an die zweifelhaften Zeugenaussagen von 1634. Die Amtszeit Peter Ulners als Pfarrer eben dieser Luciuskirche wurde
00:36:09.185 -->
00:36:19.661in Fragen und Antworten verlängert von 4 auf 11 Jahre. Also bis zum Amtsantritt Paul Bruyns. Der war als Pfarrer der
00:36:19.661 -->
00:36:28.134Luciuskirche zwar nicht direkter Nachfolger Peter Ulners, ihre Wege haben sich aber in Werden gekreuzt. Denn Ulner war
00:36:28.134 -->
00:36:41.925von 1542 bis 1554 unter dem Klosternamen Ludgerus von Gladbach in Werden tätig. Paul Bruyn wirkte von 1551 bis zu
00:36:41.925 -->
00:36:54.167seinem Tod 1597 in Werden. Als Pfarrer der Luciuskirche allerdings mit einer Unterbrechung. 1568 wurde er nämlich für
00:36:54.167 -->
00:37:05.566zwei Jahre seines Amtes enthoben. Damals war er Stellvertreter des Werbender Abtes Hermann von Holten. Krankheitsbedingt
00:37:05.566 -->
00:37:14.472war ein Ende von dessen Amtszeit absehbar. Paul Bruyn hatte als Stellvertreter gute Aussichten. Er soll auch im Konvent
00:37:14.472 -->
00:37:23.670Befürworter gehabt haben. Trotz großer Schuldenberge, die er als Rentmeister angehäuft haben soll. Oder vielleicht
00:37:23.670 -->
00:37:31.260gerade deswegen. Er hätte das Geld ja in den Augen der Wähler, also seiner Mitmönche, durchaus auch sinnvoll
00:37:31.260 -->
00:37:41.418ausgegeben haben können. Der Klostervogt Wilhelm V., Herzog von Kleve, unterstützte jedoch als nächsten Abt Heinrich
00:37:41.418 -->
00:37:51.543Duden. Der galt als deutlich konservativer. Und der Klostervogt war vor allem daran interessiert, dass Ruhe einkehrte.
00:37:53.026 -->
00:38:04.629Ruhe. Dieses Anliegen hat wohl auch Wilhelm V., den Vater von Johann III., angetrieben, als er 1532 die Klevische
00:38:04.629 -->
00:38:13.966Kirchenordnung für die Herzogtümer Kleve- Jülich-Berg erließ. Die Klevischen Herzöge waren zu jener Zeit auch die
00:38:13.966 -->
00:38:21.582weltlichen Herrscher, also die Klostervögte in Werden. Die Kirchenordnung galt also auch dort
00:38:23.846 -->
00:38:31.486"Diese Kirchenordnung war eine Synthese aus überkommenen Formen der alten Kirche und deren Neuinterpretation im Sinne
00:38:31.486 -->
00:38:41.422der Reformation wie auch des erasmischen Humanismus." Ein so schlauer Satz, das kann nur ein wörtliches Zitat von
00:38:41.422 -->
00:38:51.202jemand anders sein. Es stammt aus Reinhild Stephan Maasers Text "Vom Werdener Mönch zum evangelischen Abt in Magdeburg".
00:38:52.466 -->
00:39:02.406Erasmischer Humanismus bezieht sich auf Erasmus von Rotterdam. Er war ein niederländischer Universalgelehrter, der
00:39:02.406 -->
00:39:09.546modern dachte und sich auch mit den Gedanken Luthers auseinandersetzte, der den katholischen Glauben aber nie aufgab.
00:39:11.513 -->
00:39:20.029Ihr erinnert euch, als Gründungsmoment der evangelischen Gemeinde Werden wird bis heute eine Feier des Abendmahls sub
00:39:20.029 -->
00:39:29.164utraque spezies- unter beider Gestalt angesehen. Diese Art, das Abendmahl zu feiern, wurde in der Klevischen
00:39:29.164 -->
00:39:36.966Kirchenordnung erlaubt, wenn das dem Wunsch der Gemeindeglieder entsprach. Das wird jetzt auch im Zusammenhang mit Paul
00:39:36.966 -->
00:39:45.613Bruyn eine Rolle spielen, deshalb dieser Ausflug, der noch nicht ganz zu Ende ist. Im Zusammenhang mit dem Abendmahl
00:39:45.613 -->
00:39:57.812unter beider Gestalt fällt auch oft der Begriff Laienkelch. Das Konzil von Konstanz, 1415, stellte den Laienkelch sogar
00:39:57.812 -->
00:40:07.818unter Strafe. Das Abendmahl galt als Opferhandlung, darum hieß es auch Messopfer. Man glaubte, dass Opfer Christi auf
00:40:07.818 -->
00:40:19.272Golgatha auf unblutige Weise wiederholen und Gott darbringen zu müssen. Zitiere ich das evangelische Sonntagsblatt. Und
00:40:19.272 -->
00:40:27.572weiteres Fachwissen ebenfalls von dort. Martin Luther betonte gegen den Kelchentzug die gebietenden Einsetzungsworte
00:40:27.572 -->
00:40:33.090Jesu "Trinket alle daraus". In Matthäus 26, Vers 27
00:40:35.921 -->
00:40:45.314Andererseits stand für Luther die Kelchfrage nicht im Vordergrund. Für ihn war der Reformkatholizismus in den
00:40:45.314 -->
00:40:53.132niederrheinischen Herzogtümern, der am "papistisch wesen" festhalten wollte, ei gefährlicher Gegner der Reformation,
00:40:53.907 -->
00:41:04.619liest man bei Reinhild Stephan Maaser. Und noch ein Zitat von ihr. "Der Laienkelch ist die auffälligste Ausdrucksform
00:41:04.619 -->
00:41:13.559des sogenannten niederrheinischen Reformkatholizismus. Einer eng an Erasmus orientierten, auf Einigkeit der alten Kirche
00:41:13.559 -->
00:41:22.312bedachten Reformbewegung im Umkreis des Düsseldorfer Hofes, der weite Teile des Landes bis hin zum konservativen
00:41:22.312 -->
00:41:32.115Kölner Erdbischof Adolf von Schauenburg erfasst hatte. Die klevische Kirchenordnung von 1532 erlaubte jedenfalls die
00:41:32.115 -->
00:41:40.987Feier des Abendmahles unter beider Gestalt. Diese Kirchenordnung galt, wie gesagt, auch in Werden. Der Laienkelch war
00:41:40.987 -->
00:41:47.207damit reformerisch, aber katholisch und schon gar nicht zwingend ein Zeichen lutherischen Glaubens.
00:41:49.320 -->
00:41:57.970Jetzt aber zurück zum Klostervogt Wilhelm V., dem Herzog von Kleve und zu seiner Unterstützung für Heinrich Duden als
00:41:57.970 -->
00:41:59.910nächstem Abt des Wertener Klosters.
00:42:02.010 -->
00:42:13.192Am 29. Oktober 1568 wurde Paulus Bruyn, dem Pfarrer der Luciuskirche und Friedrich von Kamen, der die Clemenskirche
00:42:13.192 -->
00:42:21.330betreute, von Herzog Wilhelm V. auf das Strengste untersagt, nicht genehmigte Neuerungen im Gottesdienst einzuführen.
00:42:22.993 -->
00:42:29.853Die beiden Werdener Mönche verfassten ein Rechtfertigungsschreiben. Darin stellten sie den gesunden Zustand der
00:42:29.853 -->
00:42:38.412Gemeinden dar und versicherten, keine "verbottene, widderteufische, sechtische sakramentiersche, auffrurische oder
00:42:38.412 -->
00:42:46.511einige unbekannte verborgene, winkelpredische Lehr" gebraucht zu haben. Sie ließen, aber nicht unerwähnt, dass die
00:42:46.511 -->
00:42:53.6503000 Glieder der beiden Gemeinden das Abendmahl nach der Lehre Jesu in beiderlei Gestalt dargereicht bekommen hätten.
00:42:54.725 -->
00:43:01.979Wie bereits gesagt, das war durch die klevische Kirchenordnung auch rechtschaffenden Katholiken erlaubt. Das
00:43:01.979 -->
00:43:09.579Rechtfertigungsschreiben blieb erfolglos. Die beiden Pfarrer wurden ihrer Ämter enthoben. Paulus Bruyn wurde für zwei
00:43:09.579 -->
00:43:12.309Jahre in der Burg Blankenstein festgesetzt.
00:43:14.352 -->
00:43:24.502Wenn Wilhelm V. Herzog von Kleve damit die Kandidatur Heinrich Dudens zum Nachfolger Hermann von Holtens, der 1572
00:43:24.502 -->
00:43:37.806verstarb, unters wollte, dann war er erfolgreich. 1573 wurden Paulus Bruyn und Friedrich von Kamen zurückberufen und
00:43:37.806 -->
00:43:46.568etwas später wieder in ihre Priesterämter eingesetzt. Zunächst mussten sie aber im Beisein der Klevischen Räte und
00:43:46.568 -->
00:43:55.548einer Visitationsdelegation geloben, in Zukunft nur die katholische Lehre zu predigen und Heinrich Duden als Abt des
00:43:55.548 -->
00:44:05.522Wertender Klosters anzuerkennen. Konrad Kloedt ist der Abt, der auf Heinrich Duden folgte. Sein Nachfolger Preutäus
00:44:05.522 -->
00:44:13.482fand schon Erwähnung in einem Zitat Robert Hempels. Der meinte Preutäus habe den evangelischen Glauben in Werden fast
00:44:13.482 -->
00:44:24.367ausgerottet. Konrad Kloedt, sein Vorgänger, berichtete, dass die Zurückhaltung Paulus Bruyns nur zehn Jahre bis 1583
00:44:24.367 -->
00:44:31.641angehalten habe. Allerdings gibt es keine Quellen, die Übertretungen des TReuegelöbnisses zum katholischen Glauben
00:44:31.641 -->
00:44:42.148nach 1583 belegen. Das kann natürlich einen ganz einfachen Grund gehabt haben. Paulus Bruyn war Zeit seines Lebens
00:44:42.148 -->
00:44:51.547überzeugter Katholik. Seine Rechtfertigung aus dem Jahr 1568 war kein Kuschen vor weltlicher Macht, sondern die
00:44:51.547 -->
00:44:59.442Beschreibung des eigenen Glaubens und des aus diesem begründeten Tuns. Irgendwie erscheint mir Paulus Bruyn in den
00:44:59.442 -->
00:45:07.302Quellen oft als jemand, der eigentlich evangelisch dachte und der sich letztendlich vielleicht nur deshalb nicht getraut
00:45:07.302 -->
00:45:15.442hat, das auch zu zeigen und zu leben, weilWeil ein offenes Bekenntnis zu seinen Überzeugungen bedeutet hätte, Beruf
00:45:15.442 -->
00:45:27.518und Wohnung aufzugeben und ohne jede Unterstützung dazustehen. Mit weit über 40 Jahren, wäre nachvollziehbar! Peter
00:45:27.518 -->
00:45:35.458Ulner, wenige Jahre zuvor und auch Martin Luther agierten in einem schützenden Umfeld. , als sie sich vom katholischen
00:45:35.458 -->
00:45:43.608Glauben abwandten. Beide haben dem katholischen Glauben aber auch lange angehangen. Die Hinwendung zu etwas anderem
00:45:43.767 -->
00:45:52.315griff damals deutlich tiefer, als sie das heute in der Regel wohl tut. Ein Prozess, ein Ringen, bei dem man hinter sich
00:45:52.315 -->
00:46:00.135lassen musste, was seit vielen Jahrhunderten das Leben und die Überzeugungen aller Vorfahren und aller Vordenker
00:46:00.135 -->
00:46:08.352bestimmt hatte. Und dass man trotz einer aufrichtigen Auseinandersetzung mit den Ansichten der Reformation auch als
00:46:08.352 -->
00:46:16.871denkfähiger Mensch Katholik bleiben konnte, zeigt das Beispiel von Erasmus von Rotterdam. In dieser Podcast-Episode
00:46:16.871 -->
00:46:23.781jedenfalls bleibt Paulus Bruyn bis an sein Lebensende im Jahre 1597 ein aufrechter Katholik.
00:46:24.764 -->
00:46:33.584Nur als solcher und nicht als Halbaufrichtiger, der nicht wusste, was er denken soll und darf, taugte er als
00:46:33.584 -->
00:46:43.390Gesprächspartner für Franz Hormberg. Der ist in jener Zeit Mönchen in Werden und seit 1576 Pastor der Clemenskirche.
00:46:44.937 -->
00:46:53.569Von ihm war schon die Rede. Zur Erinnerung, er hat einige Jahre später die Weigerung, Messgewänder anzulegen, damit
00:46:53.569 -->
00:47:03.701begründet, dass er nicht friert. Als Werdener Mönche und als Pastoren der Filialkirchen, Paulus Bruyn war ja seit 1573
00:47:03.701 -->
00:47:12.013wieder in der Luciuskirche tätig, müssen die beiden sich gekannt haben. Wallmann schreibt unter Berufung auf ältere
00:47:12.013 -->
00:47:21.561Quellen, sie seien Freunde gewesen. Paulus Bruyn werden von Peter Wallmann und von Reinhild Stephan Maaser auch für
00:47:21.561 -->
00:47:30.298diese Zeit anhaltende Kontakte zu Peter Ulner nachgesagt. Über dessen weiteren Lebenslauf und über seine Hinwendung
00:47:30.298 -->
00:47:37.097zum lutherischen Glauben, hätte Paulus Bruyn aber auch über seinen Bruder, den eingangs dieses langen Exkurses
00:47:37.097 -->
00:47:45.574erwähnten Maler Bartholomäus Bruyn, informiert gewesen sein können. Wenn ich mir jetzt Gespräche der Mönche,
00:47:45.574 -->
00:47:53.073vielleicht sogar Freunde vorstelle, Paulus Bruyn, Franz Homberg, vielleicht noch andere, man sprach über notwendige
00:47:53.073 -->
00:48:02.445Veränderungen. Paulus Bruyn erzählte von ihrem Vorgänger, Peter Ulner, den er ja persönlich erlebt hatte. Was
00:48:02.445 -->
00:48:10.625hätten die beiden Mönche, vielleicht noch andere Rringende, gehabt von Geschichten über einen Peter Ulner, der aus
00:48:10.625 -->
00:48:18.145dem Nichts plötzlich im Schatten der mächtigen Abtei den lutherischen Glauben Augsburger Konfession predigt, der auf
00:48:18.145 -->
00:48:25.005einmal eine Gemeinde in Werden hatte, ebenfalls aus dem Nichts. Und dieser Peter Ulner bekam noch nicht mal einen
00:48:25.005 -->
00:48:33.810Rüffel und machte sich dann ein paar Jahre später unbehelligt auf zur nächsten Karrierestation. »Toll! Echt
00:48:33.810 -->
00:48:39.860motivierender Gesprächsbeitrag, Paulus! Den kennst du also! Tja, schön für dich! «
00:48:42.611 -->
00:48:52.864Stellt euch hingegen Paulus, Franz und einige andere Mönche vor, in ringendem Nachdenken Sie sprechen über jemanden,
00:48:53.362 -->
00:49:02.282der wie sie reformerischen Katholizismus betrieben hat. Wenige Jahre zuvor, der jetzt nach langem Ringen evangelischer
00:49:02.282 -->
00:49:12.200Abt bei Magdeburg geworden war, der evangelische Priester ausbildete und vor kurzem geheiratet hatte, das könnte das
00:49:12.200 -->
00:49:19.480Einfallstor von Informationen über Peter Ulner in die Überlieferung der evangelischen Gemeinde Werden gewesen sein.
00:49:21.237 -->
00:49:29.989Denn Franz Homberg radikalisierte sich in den 90er Jahren des 16. Jahrhunderts zunehmend. Er trat zum lutherischen
00:49:29.989 -->
00:49:37.582Glauben über. Es kam zum Bruch zwischen der Abtei und der Stadt Werden und zur Gründung einer evangelischen Gemeinde
00:49:38.761 -->
00:49:47.981Einfallstor: Franz Homberg könnte Notizen zu den Gesprächen mit Paulus Bruyn und anderen gemacht haben. Vielleicht
00:49:47.981 -->
00:49:56.224sogar in der Absicht, die Entwicklung hin zur evangelischen Gemeinde zu verschriftlichen. Was ich mir nicht vorstellen
00:49:56.224 -->
00:50:04.524kann, ist, dass er die Rolle Peter Ulners dabei als die eines Gemeindegründers aus dem Nichts beschrieben hat. Er
00:50:04.524 -->
00:50:12.587kannte das mühsame Ringen um den rechten Glauben. Und warum eigentlich sollten Paulus Bruyn und Franz Homberg, sollten
00:50:12.587 -->
00:50:19.797andere Mönche und Gläubige mühsam ringen, wenn Peter Ulner die evangelische Gemeinde schon längst gegründet hatte?
00:50:21.598 -->
00:50:29.558Die Tatsache, dass er Peter Ulners Lebensdaten nur vom Hörensagen kannte, sie vielleicht auch erst einige Zeit nach
00:50:29.558 -->
00:50:37.432den Gesprächen niederschrieb, könnte zu Fehlern geführt und damit die Ursache dafür gewesen sein, dass bei der
00:50:37.520 -->
00:50:46.740Erstellung der Fragen für die Zeugenvernehmungen im Jahre 1634 einige Karrierestationen des Peter Ulner falsch datiert
00:50:46.740 -->
00:50:54.390wurden. Wenn Verschriftlichungen dieser Gespräche vorgelegen hätten, hätten sie den Initiatoren der Zeugenvernehmung
00:50:54.390 -->
00:51:01.857Anstöße geben können. Die junge evangelische Gemeinde zu Zeiten Franz Hombergs hatte wahrscheinlich noch kein
00:51:01.857 -->
00:51:11.092richtiges Archiv. Die Orte, an denen sie das, was sie doch sichern wollte, aufbewahrte, wechselten in den ersten Jahren.
00:51:12.106 -->
00:51:21.806Franz Homberg wurde vertrieben, kam wieder, wurde dann 1607 von einem herzoglichen Ausweisungsbefehl endgültig verjagt
00:51:21.806 -->
00:51:30.753und wich nach Repelen in der Nähe von Moers aus. Irgendwie hätten aber Verschriftlichungen der Gespräche mit Paulus
00:51:30.753 -->
00:51:39.340Bruyn die Zeit bis zur Vorbereitung der Zeugenvernehmungen überdauert haben können. Verschriftlichungen, in denen, wie
00:51:39.340 -->
00:51:47.654gesagt, n alle Daten über die Lebensstationen Peter Ullners gestimmt haben müssen. Verschriftlichungen die als
00:51:47.654 -->
00:51:55.154Grundlage für die Formulierung der Fragen gedient haben könnten, die wir dann in den Vernehmungen von 1634
00:51:55.154 -->
00:52:06.123wiederfinden. Der Fragen, die den Zeugen die Antworten vorgaben, nur für sich genommen. Also, so wie ich sie mir
00:52:06.123 -->
00:52:13.111vorstelle, haben die Notizen nicht das Gewicht, eine Übernahme von Filalkirchen durch die evangelische Gemeinde Werden,
00:52:13.111 -->
00:52:22.953zu begründen. Es muss etwas zurechtgebogen und Entscheidendes muss hinzugefügt worden sein. Wir haben einen Peter
00:52:22.953 -->
00:52:31.371Ulner, der später einem evangelischen Kloster als Abt vorstand. Wir haben einen weiteren katholischen Pastor, der
00:52:31.371 -->
00:52:41.685nachweislich Ärger wegen der Feier des Abendmahls unter beider Gestalt bekam. Und wenn die beiden jetzt eins werden,
00:52:41.685 -->
00:52:50.885wenn also der erste 1550 aus dem Nichts heraus anfangen würde, die lutherische Lehre Augsburger Konfession zu predigen,
00:52:52.369 -->
00:53:02.598dann wäre das eine Geschichte geeignet, eine Predigtstättenübernahme zu begründen. Es wurde keine Predigtstätte
00:53:02.598 -->
00:53:09.862übernommen. Ich habe keine Quellen gefunden, die etwas über den Ausgang des Verfahrens berichten, in dem die
00:53:09.862 -->
00:53:17.688Zeugenvernehmungen eine Rolle hätten spielen sollen. Die Sache ist wohl im Sande verlaufen. Die Wirren der Zeit halt.
00:53:19.114 -->
00:53:26.773Aber mir kommt es so vor, als ob damals bewusst Geschichte verfälscht worden wäre, um Ansprüche auf eine Kirche und
00:53:26.773 -->
00:53:36.475ihre Einnahmen zu begründen. Hat niemandem geschadet, könnte man sagen. Und es war ja auch niemandes Absicht, mit der
00:53:36.475 -->
00:53:39.455verfälschten Geschichte jemandem Schaden zuzufügen.
00:53:41.605 -->
00:53:49.216Ich denke aber, die Verfälschung wirft einen Schatten auf jede Gedenkfeier. Selbst wenn die Entstehungsgeschichte
00:53:49.216 -->
00:53:57.870Legende genannt wird. Etwas, das einer historisch-kritischen Betrachtung nicht standhält. Es werden vielleicht
00:53:57.870 -->
00:54:06.870Hintertürchen offen gehalten für diejenigen, die die Legende als Geschichte glauben wollen. Und auf Gedenkfeiern will
00:54:06.870 -->
00:54:13.630niemand Geschichten mit Ecken und Kanten. Die Reden sollen nicht zu lang. Die Botschaft muss klar und freundlich und am
00:54:13.630 -->
00:54:22.850besten an eine Person gebunden sein. Persönlich mag es aber nicht, wie mit dieser als Überlieferung bezeichneten
00:54:22.850 -->
00:54:31.409Entstehungsgeschichte der evangelischen Gemeinde Werden, dass Ringen von Paulus Bruyn, Franz Homberg, Peter Ulner und
00:54:31.409 -->
00:54:40.942vielen anderen Gemeindemitgliedern, katholischen wie evangelischen, wegpoliert wird. Neuerungen im Denken und Glauben.
00:54:41.662 -->
00:54:50.422Gerade so einschneidende, wie sie von den Menschen zu Zeiten der Reformation abzuwägen, zu vollziehen oder abzulehnen
00:54:50.422 -->
00:54:59.645waren, sind lange persönliche Prozesse. Und solche Prozesse eignen sich nicht für klar zu terminierende Gedenkfeiern.
00:55:01.242 -->
00:55:08.582Eine offizielle Gemeindegründung hingegen hat einen eindeutigen Termin. Oder von mir aus kann man sich auch auf den Tag
00:55:08.582 -->
00:55:18.365beziehen, an dem Franz Homberg sein erstes evangelisches Gehalt bekommen hat. An sowas kann man Jahrestage anknüpfen. Nörgelt
00:55:18.365 -->
00:55:25.600jemand, der vor zehn Jahren zum letzten Mal in der Kirche war. Es war übrigens tatsächlich ein Besuch in der
00:55:25.600 -->
00:55:34.436evangelischen Kirche Werden. Also keine Sorge, ich werde das Transkript dieses Podcasts nicht in Thesenform an die
00:55:34.436 -->
00:55:44.141Kirchentür nageln. Etwas übers Knie gebrochen, aber auch das möglicherweise eine Legende. Für dem berühmten
00:55:44.141 -->
00:55:53.685Thesenanschlag an die Tür der Wittenberger Schlosskirche durch Martin Luther gibt es keinen gesicherten Nachweis. Die
00:55:53.685 -->
00:55:57.675Historizität des Anschlags ist tatsächlich umstritten.
00:56:00.108 -->
00:56:04.358Jetzt aber mal wieder zurück zur Entstehungsgeschichte der evangelischen Gemeinde Werden.
00:56:06.025 -->
00:56:15.785Vielleicht ist euch aufgefallen, dass das Datum, nämlich der Michaelistag 1550, bisher überhaupt keine Erwähnung
00:56:15.785 -->
00:56:19.125gefunden hat, auch nicht in den Zeugenvernehmungen.
00:56:21.468 -->
00:56:34.0291650, am 29. September, also am Michaelistag, wurde die erste selbst erbaute Kirche der evangelischen Gemeinde Werden in
00:56:34.029 -->
00:56:46.178einem Festgottesdienst eingeweiht. Sie erhielt den Namen Michaeliskirche. Noch einmal Lied Nummer 362 aus dem
00:56:46.178 -->
00:56:53.348Evangelischen Gesangbuch. "Eine feste Burg ist unser Gott". Diesmal aber zum Mitsingen.
00:57:52.897 -->
00:58:02.486Die Michaeliskirche entstand am Werdener Markt, also zu Füßen des wuchtigen Turms der katholischen St. Ludgeruskirche.
00:58:03.366 -->
00:58:13.076Zum einen dürfte sich der am 24. Oktober 1648 geschlossene Westfälische Frieden begünstigend auf die Bauerlaubnis
00:58:13.076 -->
00:58:22.305ausgewirkt haben. Auch wenn dieser Frieden vom Papst nicht anerkannt wurde, er beendete den Dreißigjährigen Krieg und
00:58:22.305 -->
00:58:29.465erschuf eine reichsrechtliche Grundlage für das Nebeneinander von Katholiken, Lutheranern und Reformierten.
00:58:31.011 -->
00:58:42.682Besitzstände sollten so bleiben oder wiederhergestellt werden, wie sie am 1. Januar 1624 gewesen waren. Nicht, dass die
00:58:42.682 -->
00:58:51.282Zeugenvernehmungen von 1634 jetzt noch eine Rolle gespielt hätten. Nirgendwo wird erwähnt, dass sich jemand, sprich
00:58:51.282 -->
00:59:00.536die evangelische Gemeinde, bei Versuchen, Besitzstände einzufordern, auf diese berufen hätte. Robert Hempel benennt in
00:59:00.536 -->
00:59:08.995seiner Geschichte der evangelischen Gemeinde zu Werden an der Ruhr einen anderen Grund dafür, dass der Kirchenbau 1650
00:59:08.995 -->
00:59:19.323möglich wurde. Der damals regierende Abt Heinrich Dücker sei ein versöhnlich gesonnener und entgegenkommender Mann
00:59:19.323 -->
00:59:26.589gewesen. Die Einschränkung dieser Einschätzung, die dann folgt, verdeutlicht allerdings vor allem die große Macht,
00:59:27.189 -->
00:59:37.878welche die Reichsabtei in Werden nach wie vor besaß oder nach kurzen Unterbrechungen jetzt wieder besaß. Am 3. August
00:59:37.878 -->
00:59:47.8971650 hatten Bürgermeister, Rat und Gilden der Stadt Werden den Abt gebeten, er möge den Kirchbau ferner nicht
00:59:47.897 -->
00:59:58.106behindern, schreibt Hempel. Wie gesagt, die Kirchweihe war am 29. September, also knappe zwei Monate später. Hempel
00:59:58.106 -->
01:00:05.803berichtet von demütigenden Bedingungen, die erfüllt werden mussten. Die Formulierung stammt von ihm. Das Gebäude
01:00:05.803 -->
01:00:13.442durfte keinen Turm und keine Kirchenglocken haben. Es sollte in Konformität mit anderen Privathäusern mit Pfannen
01:00:13.442 -->
01:00:21.036bedeckt werden. Wie ein Wohnhaus und eben nicht wie eine Kirche sollte es nach dem Willen des entgegenkommenden Abtes
01:00:21.036 -->
01:00:32.711aussehen. Dieser Forderung nach Unauffälligkeit kam man nach. In der Ausgabe von Hempels Geschichte von 1925 ist eine
01:00:32.711 -->
01:00:36.131von Albert Mitweg erstellte Skizze des Gebäudes zu sehen.
01:00:38.312 -->
01:00:50.135Das Gebäude bot etwa 350 Gläubigen Platz und das für eine lange Zeit. Es diente als Predigtstätte von 1650 bis 1832,
01:00:51.036 -->
01:00:58.316also bis weit hinein in die Amtszeit des evangelischen Pfarrers, der die eingangs dieser Folge thematisierte Inschrift
01:00:58.316 -->
01:01:06.772auf dem Fuß eines altehrwürdigen Abendmahlskelches anbringen ließ. Die Inschrift, die als Tag der Gemeindegründung
01:01:06.772 -->
01:01:17.521den Michaelistag 1550 benannte. Eingraviert in der Amtszeit Friedrich Rommels, also irgendwann zwischen 1811 und 1846.
01:01:19.793 -->
01:01:30.025Das war die erste schriftliche Erwähnung dieses Datums. Zuvor ist keine Quelle belegt, die den Michaelistag mit der
01:01:30.025 -->
01:01:32.915Entstehungsgeschichte der Gemeinde in Verbindung bringt.
01:01:33.944 -->
01:01:38.262angefangen, anno 1550,
01:01:38.527 -->
01:01:49.367Auch in den hier zitierten Zeugenvernehmungen findet dieses Datum keine Erwähnung. Da ist nur vage von etwa "anno 1551"
01:01:49.367 -->
01:01:49.947die Rede.
01:01:50.663 -->
01:01:55.143ungefähr im Jahre 1551
01:01:55.327 -->
01:02:05.227Und jetzt wurde also am 29. September 1650 die erste selbsterbaute Kirche geweiht und sie erhielt den Namen
01:02:05.227 -->
01:02:16.085Michaeliskirche. Peter Wallmann vermutet unter Berufung auf Peter Jacobs, Es ist mehr als wahrscheinlich, dass das
01:02:16.085 -->
01:02:25.428seitdem begangene Kircheweife ist, mit dem von den Zeugenaussagen des Jahres 1634 unter anderem genannten Stiftungsjahr
01:02:25.428 -->
01:02:36.2951550 im Laufe der Zeit identifiziert worden ist. Spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts war diese Verschmelzung zum
01:02:36.295 -->
01:02:40.879allseits akzeptierten Faktum geworden. So
01:02:41.325 -->
01:02:54.990Kurzer Zwischenstopp im Hier und Jetzt. 2026 - 19. Juli. Der Peter-Ulner-Platz wird in Essen-Werden eingeweiht. Auch
01:02:54.990 -->
01:03:03.669Karl-Heinz Lach, Vorsitzender des Geschichts- und Kulturvereins Werden, sprach bei dieser Feier. Auch wenn ich dabei war.
01:03:03.669 -->
01:03:15.889Ich zitiere aus den Werdener Nachrichten vom 24. Juli 26 "Am Michaelistag, dem 29. September 1550, feierte Ulner in der
01:03:15.889 -->
01:03:24.947Luciuskirche das Abendmahl in beiderlei Gestalt. ". Ein Satz, der, wie ich jetzt weiß, direkt aus dem Reich der Fabel
01:03:24.947 -->
01:03:32.941stammt. Als ich ihn hörte, hatte ich die Festschrift zur Einweihung bereits in der Hand. Darin die Liste mit der
01:03:32.941 -->
01:03:39.310Literatur, auf die ich mich hier beziehe. Alles, was man für eine historisch-kritische Auseinandersetzung mit der
01:03:39.310 -->
01:03:47.562Entstehungslegende braucht. In keiner der Ansprachen war an diesem Tag Raum für auch nur eine leise Andeutung, dass die
01:03:47.562 -->
01:03:54.562mit Peter-Ulner verknüpfte Entstehungsgeschichte der evangelischen Gemeinde Werden in keinem Punkt der historischen
01:03:54.562 -->
01:03:55.532Wahrheit entspricht.
01:04:03.388 -->
01:04:13.516Ich zitiere aus der Werdener Zeitung, obwohl ich mich auch selbst erinnere. Gerade die folgende Passage in der Ansprache
01:04:13.516 -->
01:04:21.701von Karl-Heinz Lach schien mir damals so schlüssig. Jedenfalls war sie sehr einprägsam "Auch der Zeitpunkt habe
01:04:21.701 -->
01:04:29.891Symbolkraft gehabt, ". wird Lach in der Werdener Zeitung zitiert. Und dann habe er ausgeführt: Der Michaelistag
01:04:29.891 -->
01:04:39.718markierte im Mittelalter einen Übergang. Das Ende der Erntezeit. Den Beginn eines neuen Jahreskreises. Die Erneuerung
01:04:39.718 -->
01:04:49.604von Verträgen und fälligen Zahlungen. Als Festtag des Erzengels Michael stand er zugleich für Mut, Klarhei und
01:04:49.604 -->
01:05:00.820Standhaftigkeit. Dass Ulner ausgerechnet diesen Tag wählte, sei daher kaum ein Zufall gewesen. ". Peter Ulner hatte
01:05:00.820 -->
01:05:09.703hier nichts ausgerechnet und keinen Tag gewählt. Das wissen wir, seit Peter Jacobs es 1893 klargestellt hat. Peter
01:05:09.703 -->
01:05:17.342Jacobs, vom empörten Robert Hempel als Strafanstaltspfarrer tituliert, bekommt in diesem Punkt Zustimmung von der
01:05:17.342 -->
01:05:23.900heutigen historischen Forschung. Er hat klargestellt, dass Peter Ulner die evangelische Gemeinde Werden nicht gegründet
01:05:23.900 -->
01:05:31.889hat. Und Dr. Peter Jacobs war Mitbegründer und erster Vorsitzender des historischen Vereins für das Gebiet des
01:05:31.889 -->
01:05:42.329ehemaligen Stiftes Werden. Der Verein wurde am 3. Januar 1890 gegründet. 2013 schloss dieser historische Verein sich
01:05:42.329 -->
01:05:49.985mit dem Verein der Kulturgemeinde Essen-Werden-Heidhausen zum Geschichts- und Kulturverein Werden zusammen. Und
01:05:49.985 -->
01:05:58.115Karl-Heinz Lach, heute Vorsitzender dieses Vereins, also gewissermaßen ein Nachfolger von Dr. Peter Jacobs, hat mich
01:05:58.115 -->
01:06:04.955bei der Einweihung des Platzes für kurze Zeit von der Geschichte überzeugen können, die sich um Peter Ulner und die
01:06:04.955 -->
01:06:13.711evangelische Gemeinde Werden rankt. Überzeugend finde ich hingegen ein Argument, das Dr. Cornelia Alisch, die
01:06:13.711 -->
01:06:22.412Vorsitzende des Presbyteriums, angeführt hat für die Benennung des Platzes vor der Luciuskirche nach Peter Ulner. Sie,
01:06:22.412 -->
01:06:30.909so schreibt die Werdener Zeitung, "hob auch die ökumenische Dimension hervor. Der Platz könne als Brücke verstanden
01:06:30.909 -->
01:06:37.768werden, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen den Konfessionen und vielleicht auch als Hoffnungszeichen für
01:06:37.768 -->
01:06:46.558die Zukunft. ". Diese Brückenfunktion kann der Peter-Ulner-Platz meines Erachtens aber nur erfüllen, wenn ein
01:06:46.558 -->
01:06:53.578unverfälschtes Bild der Geschichte der evangelischen Gemeinde Werden und vom Leben und Wirken Peter Ulners mit ihm
01:06:53.578 -->
01:06:54.328verbunden wird.
01:06:56.463 -->
01:07:04.583Ein Bild, das Raum lässt für demütigende Bedingungen, für Machtausübung, für Lügen und Übernahmeversuche, für
01:07:04.583 -->
01:07:12.282Auseinandersetzungen, für das ringende Bemühen der Gläubigen um den rechten Glauben, für Standhaftigkeit ebenso wie
01:07:12.282 -->
01:07:20.892für die Bereitschaft, sich zu verändern. So könnte Ökumene leuchten als etwas eigentlich unmöglich Erscheinendes,
01:07:21.682 -->
01:07:23.242das heute trotzdem geschieht.
01:07:25.526 -->
01:07:35.118So, und welche Lebensgeschichte müssten wir dann auf der Infotafel am Peter-Ulner-Platz lesen können? Wie wär's dem
01:07:35.118 -->
01:07:45.531Herrn Podcaster denn genehm? Kurzfassung in einer Überschrift. "Vom Werdender Mönch zum evangelischen Abt in
01:07:45.531 -->
01:07:54.341Magdeburg" heißt ein Beitrag von Reinhild Stephan Maaser über das Leben Peter Ulners im Katalog einer Ausstellung, die
01:07:54.341 -->
01:08:07.9841999 im Ruhrland Museum zu sehen war "Das Jahrtausend der Mönche. Klosterwelt Werden 799 bis 1803" hieß die. Ich finde
01:08:07.984 -->
01:08:19.748diese Überschrift fasst es schon mal ganz gut zusammen. Geboren wurde Peter Ulner am 18. Oktober 1523. Sein Vater wurde
01:08:19.748 -->
01:08:27.341später Bürgermeister von Gladbach, das heute Mönchengladbach heißt. Er konnte seinem Sohn eine gute Ausbildung
01:08:27.341 -->
01:08:36.183bieten. Peter Ulner besuchte nach Abschluss der Elementarschule die berühmte Schule der Brüder vom gemeinsamen Leben
01:08:36.183 -->
01:08:45.177in Deventer. Dort hatte einige Zeit zuvor auch Erasmus von Rotterdam gelernt Ulner setzte seine Ausbildung bei den
01:08:45.610 -->
01:08:54.208Fraterherren in `s-Hertogenbosch fort. Man kann davon ausgehen, dass Peter Ulner eine umfassende humanistische
01:08:54.208 -->
01:09:02.187Ausbildung erhalten hat. Lateinschulen wie diese bereiteten ihre Schüler auf eine geistliche Laufbahn oder auf ein
01:09:02.187 -->
01:09:15.708Studium vor. Als er 19 Jahre alt war, empfahl sein Vater ihn, dem Werdener Abt Hermann von Holten, als Novize. 1542 trat
01:09:15.708 -->
01:09:26.010Peter Ulner in den Benediktinerorden ein. Sein Klostername lautete Ludgerus von Gladbach. Der Werdemer Abt unterstützte
01:09:26.010 -->
01:09:33.210seinen Wissensdrang und ermöglichte ihm während seiner Professenzzeit das Studium von Theologie und Philosophie in
01:09:33.210 -->
01:09:42.550Köln. In den lückenhaften Matrikeln der Kölner Universität ist er zwar nicht auffindbar, Siegfried Sack erwähnt
01:09:42.771 -->
01:09:53.330diese Studienzeit aber in seiner Leichenpredigt aus, dem Jahre 1595. Siegfried Sack war der erste evangelische
01:09:53.330 -->
01:10:02.463Domprediger in Magdeburg. Und Leichenpredigten waren gerade in evangelischen Kreisen zwischen dem 16. dem 18.
01:10:02.463 -->
01:10:10.161Jahrhundert nicht nur üblich, sie wurden auch gedruckt, soll dem Andenken der Verstorbenen dienen und liefern uns heute
01:10:10.161 -->
01:10:18.651häufig exakte Lebensdaten über die Verstorbenen. Peter Ulner betreffend ist die Leichenpredigt die ergiebigste Quelle.
01:10:20.207 -->
01:10:28.189Erwähnt wird dort die Studienzeit in Köln. Keine Rede ist hingegen davon, dass er auch in Wittenberg studiert haben
01:10:28.189 -->
01:10:37.907soll, wie etwa Hans-Joachim Massner oder auch die Infotafel am Peter-Ulner-Platz behaupten. Es ist nicht vorstellbar,
01:10:38.499 -->
01:10:45.199dass der evangelische Domprediger, der den verstorbenen evangelischen Abt Peter Ulner kannte, der unter anderem auch
01:10:45.199 -->
01:10:53.079mehr als 20 Jahre zuvor dessen Hochzeitspredigt gehalten hatte, es ist nicht vorstellbar, dass dieser Mann in der
01:10:53.079 -->
01:10:59.908Leichenpredigt eine Station wie das Studium in Wittenberg in der Beschreibung des Lebens des Verstorbenen auslässt
01:11:01.312 -->
01:11:07.192Massner stellt sogar als Möglichkeit in den Raum, Ulner hätte Luther persönlich kennen können.
01:11:09.330 -->
01:11:16.802Und ein solcher Moment findet dann in der Leichenpredigt eines evangelischen Dompredigers für einen evangelischen
01:11:16.802 -->
01:11:27.825Klosterabt keine Erwähnung. Das scheint mir kaum vorstellbar. Peter Ulner wurde also während seiner Professenzeit, so
01:11:27.825 -->
01:11:35.105kann man in der Leichenpredigt lesen, "auffs Klosters unkosten gen Cöllen geschickt, dass er da selbst seine Studia
01:11:35.445 -->
01:11:45.516continuieren" sollte Massner versuchte bereits den jungen Peter Ulner zu evangelisieren. Mit drei großen Bewegungen des
01:11:45.516 -->
01:11:53.24616. Jahrhunderts könne man ihn in Verbindung bringen. Über die Wittenberger Reformation, eine dieser drei großen
01:11:53.246 -->
01:11:59.746Bewegungen, hat er sich also ganz sicher nicht vor Ort in Wittenberg, wahrscheinlich aber doch durch Lektüre und
01:11:59.746 -->
01:12:09.534Gespräche mit Kölner Mitstudenten etwa informieren können. 1520 im Dezember hatte Luther die Bannbulle verbrannt.
01:12:10.467 -->
01:12:21.2501521 hatte er sich auf dem Reichstag zu Worms geweigert zu widerrufen. Für den Augsburger Reichstag 1530 hatten
01:12:21.250 -->
01:12:29.650Melanchthon und andere die Lehre und Praxis der Wittenberger Reformation zusammenfassend dargestellt. Seitdem war von
01:12:29.650 -->
01:12:39.651der Augsburger Konfession die Rede. Der Bruch zwischen katholischer Kirche und Lutheranern war mittlerweile unumkehrbar.
01:12:41.317 -->
01:12:51.004Aber in einem Ort wie Werden, mit einer einflussreichen Reichsabtei, gab es noch keine ernsthafte, mit anderen lebbare
01:12:51.004 -->
01:12:51.924Wahlmöglichkeit.
01:12:54.074 -->
01:13:02.934Sich der Augsburger Konfession zuzuwenden, hätte für Peter Ullner bestenfalls bedeutet, allein dazustehen, ohne Geld,
01:13:02.934 -->
01:13:11.751ohne Wohnung. Es gab in Werden keinerlei Strukturen oder auch nur vage Anreize, die einen studierten, jungen Mann mit
01:13:11.751 -->
01:13:20.111beruflicher Perspektive, ja mit Karriereoptionen darüber hätten nachdenken lassen können, einen Übertritt zu dieser
01:13:20.111 -->
01:13:22.471Augsburger Konfession in Erwägung zu ziehen.
01:13:25.303 -->
01:13:33.263Die anderen beiden großen Bewegungen, die Massner auflistet, mit denen kam in dieser Region jeder studierte Mensch in
01:13:33.263 -->
01:13:43.805Berührung. Geboren in Mönchengladbach, M in Werden, im Einflussbereich der Klevischen Kirchenordnung, Dazu das Studium
01:13:43.805 -->
01:13:51.365in Köln, Herkunft und Ausbildung hätten es wohl unmöglich gemacht, dass Ulner sich als intelligenter, gläubiger
01:13:51.365 -->
01:13:54.825Mensch nicht mit dem Reformkatholizismus auseinandersetzte.
01:13:57.009 -->
01:14:04.299Das aber bedeutete eben gerade nicht zwingend, dass man sich auf einen Übertritt zur neuen Konfession vorbereitete.
01:14:04.961 -->
01:14:12.621Selbst der als konservativ geltende Kölner Erzbischof Adolf von Schaumburg praktizierte etwa das Abendmahl in beider
01:14:12.621 -->
01:14:24.226Gestalt. Die Reformen sollten ja der Erneuerung und der Stärkung des alten Glaubens dienen. Zuletzt führt Massner noch
01:14:24.226 -->
01:14:32.683den Humanismus an, dem aber als studierender Mensch jener Jahre aus dem Weg zu gehen, war nicht möglich. Auf der
01:14:32.683 -->
01:14:40.702anderen Seite, wie bereits angeführt, selbst der Fürst der Humanisten, so der Wikipedia-Ehrentitel des Erasmus von
01:14:40.702 -->
01:14:50.055Rotterdam, blieb Zeit seines Lebens dem katholischen Glauben treu. Das war also damals auch für denkfähige, moderne
01:14:50.055 -->
01:14:59.393Christenmenschen eine Option. Nach seiner Rückkehr aus Köln arbeitete Ulner unter anderem als Spindarius im Kloster
01:14:59.393 -->
01:15:11.358Werden. Als solcher war er für die Nahrungs- und Weinvorräte zuständig. Irgendwann zwischen 1550 und 1551 begann
01:15:11.358 -->
01:15:23.358Ulners Amtszeit als Pastor der Luciuskirche im Stadtteil Neukirchen. Die währte bis 1554. Ach ja, Stadtteil ist gut.
01:15:23.898 -->
01:15:30.998Heute geht man vom Werdener Markt, der quasi zu Füßen der Abteikirche liegt, die Heckstraße entlang bis zur
01:15:30.998 -->
01:15:42.577Luciuskirche knappe 600 Meter Richtung Nordwesten, um dorthin zu gelangen. Ihr erinnert euch, in dieser Zeit als Pastor
01:15:42.577 -->
01:15:53.143der Luciuskirche, am Michaelistag 1550, soll Ulner die evangelische Kirchengemeinde gegründet haben. In diese Zeit
01:15:53.143 -->
01:16:00.903fallen die Bemühungen des werdender Abtes Hermann von Holten, den Autonomiebestrebungen der Filialkirchen St. Lucius
01:16:00.903 -->
01:16:08.828und der Clemenskirche einen Riegel vorzuschieben. Der Kölner Erzbischof Adolf von Schaumburg stellte eine
01:16:08.828 -->
01:16:20.045Inkorporationsurkunde aus, datiert auf den 13. August 1551. Sie erneuerte die bereits seit dem 14. Jahrhundert
01:16:20.045 -->
01:16:28.896festgeschriebene Korporation der Filialkirchen. Vertreter der Entstehungsgeschichte, die Peter Ulner als Gründer der
01:16:28.896 -->
01:16:37.035evangelischen Gemeinde beschreibt, sehen darin eine Reaktion auf sein reformerisches Tun. Was regelte die
01:16:37.035 -->
01:16:45.044Korporationsurkunde? Die Einnahmen der Kirchen sollten laut der Urkunde fast gänzlich dem Kloster zufließen. Das war
01:16:45.044 -->
01:16:53.371lange Zeit nicht der Fall gewesen. Gleichzeitig hatte das Kloster mit intensiver Bautätigkeit in der ersten Hälfte des
01:16:53.371 -->
01:17:01.81016. Jahrhunderts Schulden angehäuft. Frei werdende Pfarrstellen sollten zudem nicht mehr von sogenannten
01:17:01.810 -->
01:17:10.228Weltgeistlichen, sondern nur noch von Mönchen besetzt werden können. Die gute Ausbildung der Mönche gewährleiste
01:17:10.228 -->
01:17:18.417eine bessere Betreuung der Kirchen und verhindere somit vor allem die Verbreitung von Irrlehren. Etwa ein Jahr, nachdem
01:17:18.417 -->
01:17:27.277einer ihrer gut ausgebildeten Mönche in der Luciuskirche die evangelische Gemeinde werden begründet hat, lässt sich
01:17:27.277 -->
01:17:35.177der werdende Abt eine Urkunde ausstellen, die besagt, dass fortan nur noch gut ausgebildete Mönche eingesetzt werden
01:17:35.177 -->
01:17:47.178sollen, um... Ähm, weil, hm, das passt ja irgendwie gar nicht. Vor allem nicht, wenn man in der Inkooperationsurkunde
01:17:47.178 -->
01:17:56.330eine Reaktion auf reformerische Bestrebungen des Peter Ulner sehen möchte. Wären die Gegenmaßnahmen der Abtei derart
01:17:56.330 -->
01:18:03.570fein abgestimmt gewesen, müsste man sich ja wohl sehr wundern, dass der katholische Glauben in Werden überhaupt
01:18:03.570 -->
01:18:04.570fortbestehen konnte.
01:18:06.650 -->
01:18:14.600Peter Wallmann vermutet folgerichtig, dass Peter Ulner zur Betreuung der Luciuskirche erst in der Zeit nach dem 13.
01:18:14.600 -->
01:18:24.747August 1551 angetreten ist, gerade in Befolgung der Kooperationsurkunde. Er war nicht der Reformator, er wurde
01:18:24.747 -->
01:18:34.246eingesetzt, um der Verbreitung von Irrlehren entgegenzuwirken. Auch in den Zeugenvernehmungen von 1634 wird der Beginn
01:18:34.246 -->
01:18:39.906von Ulners Tätigkeit in der Luciuskirche meist auf das Jahr 1551 datiert.
01:18:42.083 -->
01:18:51.499Die Musik-KI Sono hat einen Spottvers vertont, mit dem katholische Schüler in den 50ern des 20. Jahrhunderts
01:18:52.033 -->
01:18:55.273Gleichaltrige evangelischen Glaubens provozierten. .
01:19:20.464 -->
01:19:32.453Und abschließend noch dies. Konrad Kloedt war Werdener Abt von 1601 bis 1614, also mit etwas, aber auch nicht mit allzu
01:19:32.453 -->
01:19:42.891großem Abstand zu den Geschehnissen, um die es hier geht. Er wird von Pfarrer Jacobs 1893 mit der Aussage zitiert, dass
01:19:42.891 -->
01:19:52.270es bis zum Jahre 1567 gedauert habe, "bis allerlei Neuerungen wie die Communion unter beiden Gestalten, die Abschaffung
01:19:52.270 -->
01:20:01.667der Vigilien, des Weihwassers und der letzten Ölung in Werden eingeführt wurden". Mit diesem Zitat machte Dr. Jacobs
01:20:01.667 -->
01:20:09.650in seiner Schilderung der Reformation in Werden gleich klar, wo die Reise hingehen soll. Er zitierte dabei allerdings
01:20:09.650 -->
01:20:17.622nicht aus einem Originaldokument, sondern machte in der Anmerkung deutlich, dass dieses Aktenstück sich im
01:20:17.622 -->
01:20:24.758Düsseldorfer Staatsarchiv befände. Zitiert wurde es nach einem Text, den er im siebten Band des Bergischen
01:20:24.758 -->
01:20:35.115Geschichtsvereins gefunden hatte. Bis dahin, schrieb Jacobs, also bis 1567, hatten Abt und Konvent, wie sämtliche
01:20:35.115 -->
01:20:43.155ältere Nachrichten melden, außer der katholischen keine andere Religion und "keinen Irrthum ketzerischen Wesens" im
01:20:43.155 -->
01:20:52.895ganzen Stifte gestattet. Demnach wären die Änderungen, für die Paulus Bruyn und Friedrich von Kamen 1568 ihrer Ämter
01:20:52.895 -->
01:21:01.761als Pastoren der Werdener Filialkirchen enthoben wurden, und zwar enthoben durch den Klostervogt Wilhelm V - diese
01:21:01.761 -->
01:21:12.738Änderungen wären als der erste Irrthum ketzerischen Wesens in Werden anzusehen. In den 50ern des 20. Jahrhunderts gab
01:21:12.738 -->
01:21:19.358es natürlich auch einen Reim, mit dem die evangelischen Schüler ihre Raufbereitschaft unter Beweis stellten.
01:21:49.722 -->
01:21:59.611Von der Amtsenthebung war schon die Rede und davon, dass Paulus Bruyn und Peter Ulner sich gekannt haben müssen, da sie
01:21:59.611 -->
01:22:09.736gleichzeitig Mönche im Werdener Kloster waren. Paulus Bruyn seit 1551 Dass ich denke, dass Paulus Bruyn Zeit seines
01:22:09.736 -->
01:22:16.655Lebens ein aufrechter Katholik war und warum er keine ketzerischen Irrtümer vertrat, sondern, wie in seiner
01:22:16.655 -->
01:22:23.154Selbstrechtfertigung dargestellt, stets im Rahmen der Klevischen Kirchenordnung sein Amt korrekt katholisch ausgeübt
01:22:23.154 -->
01:22:30.703hatte, das habe ich bereits dargelegt. Die Vorwürfe sollten Paulus Bruyn wohl vor allem als Gegenkandidat Heinrich
01:22:30.703 -->
01:22:39.651Dudens für die bevorstehende Abtwahl ausschalten. Heinrich Duden wurde dann Vorgänger Konrad Kloedts, den Dr. Peter
01:22:39.651 -->
01:22:48.226Jacobs als Kronzeugen zitiert hat, ohne aber direkte Akteneinsicht gehabt zu haben. Jetzt, das heißt in den frühen
01:22:48.226 -->
01:22:55.63650er Jahren des 16. Jahrhunderts, ist der Vorgänger Heinrich Dudens, Hermann Holten, Abt im Werdener Kloster.
01:22:58.115 -->
01:23:06.175Das stichhaltigste Argument gegen Ulners öffentliches Auftreten als Reformator von Werden ergibt sich aus seinem
01:23:06.175 -->
01:23:16.859weiteren Werdegang, sc Reinhild Stefan Maaser. 1554 erhielt Holten eine Anfrage des Tochterklosters in Helmstedt.
01:23:17.574 -->
01:23:24.973Helmstedt in der Nähe von Braunschweig ist Menschen meiner Generation vor allem als ein Grenzübergang zur ehemaligen
01:23:24.973 -->
01:23:36.084DDR bekannt. Hier war der westliche Endpunkt der Transitstrecke nach West-Berlin. 1554 benötigte das Ludgeri-Kloster in
01:23:36.084 -->
01:23:44.571Helmstedt Hilfe. Weil es damals dort "an gelehrten Leuten gemangelt und das Kloster St. Lüder zum Kloster zu Werden
01:23:44.571 -->
01:23:53.591gehörig", kann man in der Leichenpredigt von Siegfried Sack lesen. Das Tochterkloster fand vor allem auch deshalb keine
01:23:53.591 -->
01:24:01.520geeigneten Prediger, weil es zu jener Zeit die letzte katholische Bastion in der ansonsten evangelischen Stadt Helmstedt
01:24:01.520 -->
01:24:09.279war. Unter anderem wurde das Kloster gebrandschatzt. Es war also kein gemütlicher Ort.
01:24:53.667 -->
01:25:03.607Trotz der widrigen Umstände blieb das Helmstädter Ludgeri-Kloster übrigens bis zu seiner Auflösung im Jahre 1802
01:25:03.607 -->
01:25:11.639römisch-katholisch. Für Vertreter der Geschichte, die Peter Ulner als Gründer der evangelischen Gemeinde sehen will,
01:25:11.871 -->
01:25:21.879ist die Entsendung Peter Ulners nach Helmstedt eine Bestätigung "Zu allen Zeiten" habe man "schwierige Personalfragen
01:25:21.879 -->
01:25:32.992durch Versetzen zu lösen versucht. Und die Abtei Werden, machte es nicht anders". Peter Ulner sei verschoben, "ja, wenn
01:25:32.992 -->
01:25:42.569man es so will, befördert worden", meinte Hans-Joachim Massner. Ist es aber wirklich vorstellbar, dass Abt Hermann
01:25:42.569 -->
01:25:51.344Holten den Hilferuf aus Helmstedt so beantwortet und ausgenutzt hat, er schickte dem angeschlagenen, wankenden
01:25:51.344 -->
01:26:00.003Tochterkloster, das inmitten einer lutherischen Stadt so gerade noch die Stellung hielt. Gezeichnet durch Zerstörung
01:26:00.003 -->
01:26:08.528und wirtschaftliche Not infolge von Brandschatzung, dem schickte er seinen unsichersten Kantonisten, nämlich den
01:26:08.528 -->
01:26:16.932gelehrten Geistlichen, der gerade in der Lucius-Kirche eine evangelische Gemeinde gegründet haben soll. Nachvollziehbar
01:26:16.932 -->
01:26:24.312eigentlich nur, wenn man etwa davon ausgehen möchte, dass Abt Hermann Holten ein führender Geheimagent der
01:26:24.312 -->
01:26:31.413evangelischen Kirche gewesen ist. Aber sein hinterhältiger Plan ging nicht auf.
01:26:33.957 -->
01:26:41.677Reinhild Stephan Maser vermutet, dass die Zerstörungen im Kloster Helmstedt Peter Ulner die Unversöhnlichkeit
01:26:41.677 -->
01:26:50.554klargemacht haben, mit der sich katholischer und evangelischer Glaube mittlerweile gegenüberstanden. Es gab keine
01:26:50.554 -->
01:26:59.473Möglichkeit einer Einigung mehr. Die Kirchenspaltung war ein Faktum. Zunächst aber scheinen die Eindrücke, den
01:26:59.473 -->
01:27:08.639katholischen Glauben in Peter Ulner gestärkt zu haben. Sein rhetorisches Talent fiel auf. Er wurde nur ein Jahr später,
01:27:08.639 -->
01:27:17.2991555, als Hofprediger an das Schloss des Herzogs Heinrich des Jüngeren von Braunschweig nach Wolfenbüttel berufen.
01:27:17.682 -->
01:27:26.272Herzog Heinrich der Jüngere, stand mit beiden Beinen fest im alten Glauben, bekämpfte reformatorische Ansätze. Er
01:27:26.272 -->
01:27:35.028verbot zeitweise den Laienkelch und befahl die Spendung der Sakramente nach katholischem Ritus. Sogar der eigene, dem
01:27:35.028 -->
01:27:42.568lutherischen Glauben zugewandte Sohn Julius, von dem wir gleich im Zusammenhang mit Peter Ulner erneut hören werden, s
01:27:42.568 -->
01:27:51.639der bekam harte Sanktionen zu spüren. Erbberechtigt war Julius erst seitdem seine beiden älteren Brüder in der
01:27:51.639 -->
01:28:01.145Schlacht bei Sievershausen 1553 umgekommen waren. Und auch das nur, weil die zweite Ehe seines Vaters kinderlos
01:28:01.145 -->
01:28:09.572geblieben war. Dieser Vater, Herzog Heinrich der Jüngere, wurde von Luther in der Schrift "Wider Hans Worst" verspottet.
01:28:10.237 -->
01:28:17.758Dieser erzkatholische Vater also, der nebenbei zehn uneheliche Kinder in die Welt gesetzt hatte, dieser Heinrich der
01:28:17.758 -->
01:28:26.358Jüngere, sollte Peter Ulner zum Hofprediger berufen haben, obwohl dieser wenige Jahre zuvor genau die vom Herzog
01:28:26.358 -->
01:28:33.598verfolgten Neuerungen, wie das Abendmahl in beider Gestalt praktiziert und damit eine evangelische Gemeinde gegründet
01:28:33.598 -->
01:28:44.726haben sollte? 1558, widmete Ulner Heinrich dem Jüngeren eine Ausgabe von Texten des Mainzer Dompredigers Johannes Ferus.
01:28:45.763 -->
01:28:52.723Vor allem die Widmung legt nahe, dass sich Ulner in dieser Zeit noch einmal stärker dem alten katholischen Glauben
01:28:52.723 -->
01:29:01.235zugewandt hatte. Sie endete mit der Versicherung, dass die Schrift "nichts Zweifelhaftes und Ungegründetes, viel
01:29:01.235 -->
01:29:09.435weniger etwas kertscheriges enthalte und zu diesen gefahrvollen, unseligen Zeiten das Wort Gottes und das Evangelium
01:29:09.435 -->
01:29:19.686Christi ganz rein und lauter und mit bewährter christlicher Auslegung darbiete". Zitiere ich Reinhild Stefan Maser, die
01:29:19.686 -->
01:29:22.946die Widmung als Zitat bei Dr. Jacobs gefunden hat.
01:29:25.173 -->
01:29:32.543Aber wenn man davon ausgeht, dass Peter Ulner diese Widmung geschrieben hat, dann hatte er in seinem inneren Widerstreit
01:29:32.543 -->
01:29:39.801sich noch einmal weit dem alten Glauben in seiner konservativen Form zugewandt. Da er sich sicher nicht so weit
01:29:39.801 -->
01:29:47.498abgewandt hatte, wie manche behaupten, musste er sich da nicht verbiegen. Ausschlaggebend waren vielleicht auch die
01:29:47.498 -->
01:29:55.163Spuren der Gewalt, mit der die Lutheraner gegen das Helmstädter Kloster vorgegangen waren. Vielleicht haben die einen
01:29:55.163 -->
01:30:02.819Eindruck hervorgerufen, den man etwa so formulieren könnte: Wenn die Lutheraner nur stark genug waren, dann ging es
01:30:02.819 -->
01:30:09.039denen gar nicht um Fragen des Glaubens. Die wollten möglicherweise nur erobern und wollten katholisches Blut sehen.
01:30:10.794 -->
01:30:19.219Dieser Eindruck wäre schon kurze Zeit später relativiert worden. Das Kloster Berge bei Magdeburg wohin Peter Ulner
01:30:19.219 -->
01:30:28.0801559 als Stellvertreter des Abtes berufen wurde, befand sich ebenfalls in einer Region, die lange schon vom
01:30:28.080 -->
01:30:36.506Protestantismus eingenommen war. Bereits 1524 hatte Luther zum ersten Mal in Magdeburg gepredigt. Die massiven
01:30:36.506 -->
01:30:42.165Zerstörungen des Klosters Berge waren eine Folge des Schmalkaldischen Krieges.
01:31:24.489 -->
01:31:33.381Der Schmalkaldische Bund war ein Zusammenschluss protestantischer Kurfürsten und Städte. Kaiser Karl V. sah durch den
01:31:33.381 -->
01:31:42.211wachsenden Einfluss des Protestantismus seinen Einfluss schwinden und auch die Legitimation seines Kaisertitels in Frage
01:31:42.211 -->
01:31:55.714gestellt. Am 7. Juni 1546 kam es zu einem Vertrag mit Papst Paul III. Der versprach 10.000 Knechte und 500 Reiter sowie
01:31:55.714 -->
01:32:03.475finanzielle Unterstützung bereitzustellen. Durch weitere Bündnisse und Stillhalteabkommen, teilweise auch mit
01:32:03.475 -->
01:32:13.108protestantischen Fürsten, entstand ein katholisches Bündnis, das militärisch und wirtschaftlich überlegen war. Am 24.
01:32:13.108 -->
01:32:23.516April 1547 wurde der Schmalkaldische Bund bei Mühlberg besiegt. Kaiser Karl glaubte, den Protestantismus aus der Welt
01:32:23.516 -->
01:32:32.485geschafft zu haben. Doch die Unruhen gingen weiter. Magdeburg leistete bis 1551 Widerstand. Es kam zu neuen
01:32:32.485 -->
01:32:40.695protestantischen Bündnissen und 1552 vereinten sie ihre Kräfte mit denen des französischen Königs Heinrich II.
01:32:41.884 -->
01:32:50.563Ferdinand I., Bruder Karls V., musste den Passauer Vertrag aushandeln, der den Protestanten weitgehende Rechte
01:32:50.563 -->
01:33:01.988einräumte. Deren Bestätigung erfolgte im Jahre 1555 durch den Augsburger Religionsfrieden. Karl V. Dankte im folgenden
01:33:01.988 -->
01:33:06.578Jahr, 1556, zugunsten seines Bruders als Kaiser ab.
01:33:09.478 -->
01:33:19.560Magd jedenfalls war in diesem Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Das Kloster Berge, wohin Peter Ulner 1559
01:33:19.560 -->
01:33:30.062mit 36 Jahren als Koadjutor berufen worden war, befand sich in einem beklagenswerten Zustand, so beschreibt es Dr.
01:33:30.062 -->
01:33:41.492Wessel de Weldige-Krämer. Und die Lage in Magdeburg schildert er folgendermaßen. Peter Ulner kam 1559 in Magdeburg an
01:33:41.492 -->
01:33:48.711einen Ort, wo die Reformation schon länger als ein damaliges Menschenalter, nämlich seit mehr als 30 Jahren, Fuß
01:33:48.711 -->
01:33:56.309gefasst hatte. Er kam in eine Stadt, die von inneren Kämpfen zwischen Protestanten und Katholiken erschüttert war. Die
01:33:56.309 -->
01:34:02.789innere Zerrissenheit der Stadt, wie der deutschen Lande überhaupt, beruhte aber nur zum Teil auf gegensätzlichen
01:34:02.789 -->
01:34:11.957religiösen Überzeugungen, sondern überwiegend auf gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Machtkämpfen. Es ist also
01:34:11.957 -->
01:34:18.257nicht nur ein weiterer Karriere-Schritt in seiner beruflichen Laufbahn. Er wird von seinem Benediktiner-Orden zum
01:34:18.257 -->
01:34:24.980Stellvertreter des Abtes vom Kloster Berge gemacht. Damit ist aber eben auch eine große Herausforderung verbunden.
01:34:26.158 -->
01:34:34.818Wieder von Protestanten umzingelt. Und wieder ein durch Gewalteinwirkung weitgehend zerstörtes Kloster. Und die
01:34:34.818 -->
01:34:41.714Erfahrung, dass die Gewalt auch von katholischen Glaubensgenossen ausgehen kann. Und zudem noch ein alter Bekannter, der
01:34:41.714 -->
01:34:48.912vielleicht auch alte Loyalitätsverpflichtungen wachruft. Denn einer der benediktinischen Visitatoren, die Peter Ulner
01:34:48.912 -->
01:34:56.091für die neue Stelle vorgeschlagen haben, ist der Werdener Abt Hermann von Holten, der ihn einst ins Werdener Kloster
01:34:56.091 -->
01:35:07.393aufgenommen und zum Studium nach Köln geschickt hatte. Bereits zwei Jahre später, also 1561, verstarb Heinrich Zirow,
01:35:07.393 -->
01:35:20.054der Abt des Klosters Berge, und Peter Ulner war sein Nachfolger 1561... hhm... Moment, da war doch dieses Porträt, das
01:35:20.054 -->
01:35:27.885deutliche Hinweise auf einen Übertritt Peter Ulners zum lutherischen Glauben enthielt. Und das hatte schon im Jahre
01:35:27.885 -->
01:35:36.6141560 Batholomäus Bruyn, der Jüngere, im Auftrag Peter Ulners gemalt Bartholomäus Bruyn, der Bruder von Paulus Bruyn,
01:35:37.324 -->
01:35:40.344der in Werden jetzt Pfarrer der Luciuskirche war.
01:36:55.199 -->
01:37:05.036Am 25. August 1565 erklärt Peter Ulner offiziell den Übertritt zur Reformation mit einer lutherischen Predigt.
01:37:05.815 -->
01:37:11.324Gemeinsam mit dem gesamten Konvent. Er ist 41 Jahre alt.
01:37:13.457 -->
01:37:23.181Warum dauerte es fünf Jahre von der deutlichen Selbstaussage des Porträts bis zum offiziellen Übertritt 1565? Zumal
01:37:23.181 -->
01:37:32.797ein früherer Übertritt des Klosters politisch und wirtschaftlich wohl der einfachere Weg gewesen wäre. Denn ein neuer
01:37:32.797 -->
01:37:39.536Erzbischof, so kann man im Text von Dr. Wessel der Weldige Krämer lesen, war auf dem Weg, sich zum evangelischen
01:37:39.536 -->
01:37:49.014Glauben zu bekennen. Sigismund von Hohenzollern-Brandenburg, damals gerade 22 Jahre alt. Es drohte die Säkularisation
01:37:49.014 -->
01:37:57.081der verbliebenen Klöster des Erzstifts Magdeburg. Was von Kloster Berge noch da war, wäre damit Teil des Vermögens
01:37:57.081 -->
01:38:06.834des Erzbischofs geworden. 1562 erschienen tatsächlich protestantische Visitatoren, um die Vermögenswerte des Klosters
01:38:06.834 -->
01:38:14.740aufzulisten. Im folgenden Jahr wurden erste Klöster entgegen den Bestimmungen des Augsburger Friedens säkularisiert.
01:38:15.926 -->
01:38:22.526Durch einen Übertritt wäre die Gefahr der Säkularisation gebannt gewesen. Mit dem Vermögen eines evangelischen
01:38:22.526 -->
01:38:31.834Klosters konnte Sigismund sein Privatvermögen nicht mehren. Und wo Peter Ulner sich sowieso schon evangelisch hatte
01:38:31.834 -->
01:38:40.309malen lassen und den Übertritt zumindest innerlich selbst schon 1560 vollzogen hatte Ganz sicher, dass er diesen
01:38:40.309 -->
01:38:46.953Schritt nicht verheimlicht hat. Sonst wäre ein Gemälde, für das ja Rechnungen bezahlt werden müssen und das vor
01:38:46.953 -->
01:38:55.410allem irgendwo platziert werden muss, keine so gute Idee gewesen. Aber der Platz, den das Bild bekam, muss nicht
01:38:55.410 -->
01:39:03.236unbedingt die Eingangshalle des Klosters gewesen sein. Peter Ulner wollte nicht polarisieren. Er war keine
01:39:03.236 -->
01:39:14.660Konfrontationen suchende Person. Er war kein Franz Homberg. Möglicherweise war er aber der bessere Luther. Der Satz
01:39:14.660 -->
01:39:21.899bleibt stehen. Aus unerfindlichen Gründen mag ich ihn. Aber natürlich war auch für mich sofort zu erkennen Ulner
01:39:21.899 -->
01:39:30.331wirkt in seinem Kloster in einem etwas überschaubareren Raum als Luther, das mit seinem Wirken getan hat. Luther wollte
01:39:30.331 -->
01:39:39.912lange Zeit keine Spaltung. Er wollte die eine katholische Kirche wieder auf Kurs bringen. Was hat Ulner im Kloster Berge
01:39:39.912 -->
01:39:48.717besser gemacht? Ich denke, er wollte in jeden Fall verhindern, dass der Übertritt des Klosters zur Reformation innerer
01:39:48.717 -->
01:39:56.917Risse in der Gemeinschaft hervorruft. Risse, die vielleicht zunächst noch verdeckt gewesen wären, bald aber das
01:39:56.917 -->
01:40:04.514gemeinsame Wirken gestört hätten. Beim Übertritt sollten zumindest alle Mitglieder des Konvents aus Überzeugung
01:40:04.514 -->
01:40:12.639dabei sein. Peter Ulner formte den Konvent in den Jahren vor dem Übertritt. Er berief Männer aus seiner Familie,
01:40:12.639 -->
01:40:20.824darunter seinen Bruder, Männer aus seiner Heimatstadt Gladbach, Männer, die zuvor in Werden gewirkt hatten. Das wäre
01:40:20.824 -->
01:40:28.024doch ein Ort, an dem das von Bartholomäus Bruyn gemalte Porträt seinen Platz hätte finden können, dort, wo Peter
01:40:28.024 -->
01:40:35.964Ulner mit den Kandidaten, den Bewerbern gesprochen hat, wo er erkennen konnte, ob sie die nicht ganz so offensichtliche
01:40:35.964 -->
01:40:45.600Aussage des Bildes verstanden und wo er gegebenenfalls ihre Haltung ergründen konnte. Und das Porträt hätte auch
01:40:45.600 -->
01:40:53.160evangelischen Visitatoren als stilles Versprechen für die Zukunft präsentiert werden können. Mir kommt es so vor, als
01:40:53.160 -->
01:41:01.655ob Peter Ulmer als Abt zunächst einen kleinen evangelischen Ableger des Benediktinerordens begründet hätte. Peter
01:41:01.655 -->
01:41:08.434Ulner war nicht der Typ zum kämpferischen Vorausmarschieren, aber er war der richtige Mann, um das Kloster Berge
01:41:08.434 -->
01:41:16.934behutsam in neue Gewässer zu lenken. Mit dieser Vorgehensweise hätte er in Werden, umgeben von abwehrbereiten,
01:41:16.934 -->
01:41:25.634bestimmenden Katholiken, nichts erreichen können. Werden brauchte einen Franz Homberg, damit eine erste evangelische
01:41:25.634 -->
01:41:33.784Gemeinde gegründet werden konnte. Und umgekehrt hätte Peter Ulner in Werden eine evangelische Gemeinde gegründet,
01:41:34.094 -->
01:41:40.504deren Spuren wären tiefer und beständiger gewesen. Man könnte sie auch heute noch ohne Zweifel lesen.
01:41:42.754 -->
01:41:47.454Und vor allem, diese Gemeinde wäre nicht aus dem Nichts plötzlich aufgepoppt.
01:41:49.893 -->
01:41:55.983Man könnte natürlich dagegenhalten, das kann ich angesichts der, Übermacht der übrigen Argumente hier eingestehen.
01:41:56.793 -->
01:42:03.873Gerade die Erfahrungen der Vergangenheit in Werden wären ursächlich für die behutsame Vorgehensweise Peter Ulner's in
01:42:03.873 -->
01:42:13.110Magdeburg gewesen. So ist das eben mit den spekulativeren Argumenten. Wenn man kurz innehält, kann man oft sofort auch
01:42:13.110 -->
01:42:23.781in die entgegengesetzte Richtung galoppieren. Aber... Jedenfalls erklärte Peter Ulner am 25. August 1565 mit einer
01:42:23.781 -->
01:42:33.260lutherischen Predigt gemeinsam mit dem gesamten Konvent offiziell den Übertritt des Klosters Berge zur Reformation. Ich
01:42:33.260 -->
01:42:41.880fasse kurz zusammen, was Dr. Wessel de Weldige Cremer und Reinhild Stephan Maaser über den Wiederaufbau und die neue
01:42:41.880 -->
01:42:51.753Blüte des Klosters Berge bei Magdeburg berichten. 1565 war es mit dem Übertritt zu einem evangelischen Stift geworden.
01:42:53.026 -->
01:43:02.576Eine Klosterschule für zwölf Schüler wurde gegründet. Die Bibliothek wurde neu ausgestattet. Die Abtei wurde 1569 zu
01:43:02.576 -->
01:43:10.966einem Schulkloster, einer Ausbildungsstätte für evangelische Pastoren. Ulner habe etliche feine Gesellen ins Kloster
01:43:10.966 -->
01:43:18.771berufen, kann man in seiner von Siegfried Sack verfassten Leichenpredigt lesen. Der bekannteste Name sei der von
01:43:18.771 -->
01:43:26.771Heinrich Hommel, so jetzt wieder Dr. Wessel de Weldige Cremer. Auf Latein, der Sprache der Wissenschaft, hieß dieser
01:43:26.771 -->
01:43:37.385bekannteste Henricius Homelius. Er kam 1578 als Professor für Theologie, lehrte aber nicht nur, sondern war auch
01:43:37.385 -->
01:43:45.995Superintendent in Magdeburg. Geboren übrigens in Gladbach mit einem Lebensweg, der zwar in anderer Reihung, aber doch
01:43:45.995 -->
01:43:54.614viele berufliche Stationen aufweist, die einige Zeit zuvor auch Peter Ulner durchlaufen hatte. Peter Ulner stand bis zu
01:43:54.614 -->
01:44:03.069seinem Lebensende in Briefkontakt mit Fürst Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel. Der führte nach seinem Amtsantritt
01:44:03.069 -->
01:44:11.9091568 die Reformation im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel ein und er modernisierte Verwaltung, R und Wirtschaft.
01:44:12.930 -->
01:44:21.629Gleich wird noch einmal von ihm die Rede sein. Neben den Erfolgen beim Wiederaufbau des Klosters Berge dürfte auch
01:44:21.629 -->
01:44:32.495dieser Kontakt dazu geführt haben, dass weitere berufliche Aufgaben im gesamten Herzogtum auf Peter Ulner zugamen. 1569
01:44:32.495 -->
01:44:39.195erhielt er zusammen mit den Theologen Jakob Andreä und Martin Chemnitz den Auftrag, die Kirche in
01:44:39.195 -->
01:44:48.413Braunschweig-Wolfenbüttel zu reformieren. Ab 1583 wurde er für Visitationen der Kirchen in der Diözese Magdeburg
01:44:48.530 -->
01:44:49.140zuständig.
01:44:51.143 -->
01:45:01.450Ach ja, 10 Jahre zuvor, 1573, also acht Jahre nachdem er infolge des offiziellen Übertritts zum lutherischen Glauben
01:45:01.450 -->
01:45:12.374heiraten durfte, heiratete Peter Ulner am Peter-und-Paul-Tag, also am 29. Juni. Margareta Westphal, Tochter eines
01:45:12.374 -->
01:45:21.248Magdeburger Ratskämmerers und Enkelin des Magdeburger Bürgermeisters, wurde seine Frau. In den folgenden Jahren wurden
01:45:21.248 -->
01:45:30.179ihnen vier Töchter und ein Sohn geboren. Zur Hochzeit predigte übrigens Siegfried Sack, der erste evangelische
01:45:30.179 -->
01:45:38.995Domprediger von Magdeburg, der 1595 auch die Leichenpredigt für Peter Ulner verfasste, aus der wir heute wesentliche
01:45:38.995 -->
01:45:40.425Daten seines Lebensweges kennen.
01:45:42.017 -->
01:45:51.109Eine andere Beerdigung ist das letzte Ereignis im Leben Peter Ulners, das hier erwähnt werden soll. Die Beerdigung von
01:45:51.109 -->
01:45:58.517Heinrich dem Jüngeren, Herzog von Braunschweig, dem letzten Fürsten im niedersächsischen Raum, der dem
01:45:58.517 -->
01:46:00.137römisch-katholischen Glauben anhing.
01:47:25.141 -->
01:47:36.899Peter Ulner war von 1555 an vier Jahre lang Hofprediger des Verstorbenen gewesen. Diesem, Heinrich dem Jüngeren galten
01:47:36.899 -->
01:47:44.958die einzigen und letzten überlieferten, streng altgläubig klingenden Worte Peter Ulners. Von der Widmung war bereits
01:47:44.958 -->
01:47:56.011die Rede. Möglicherweise war Ulner auch der Pfarrer, der die Messe zu Ostern im Jahre 1558 gehalten hat. An dieser
01:47:56.011 -->
01:48:04.559Messe weigerte sich, der jüngste Sohn von Heinrich dem Jüngeren teilzunehmen. Der hieß Julius und hatte mittlerweile
01:48:04.559 -->
01:48:14.185den lutherischen Glauben angenommen. Es kam zum Bruch mit dem Vater. Julius drohte sogar die Verhaftung und er musste an
01:48:14.185 -->
01:48:24.075den Hof seines Schwagers Johann von Brandenburg-Küstrin, fliehen. Brandenburg-Küstrin war bereits seit 1535 fest in
01:48:24.075 -->
01:48:24.805evangelischer Hand.
01:48:27.138 -->
01:48:34.898Julius hatte aber von vornherein keine guten Karten bei seinem draufgängerischen Vater. Er hatte zwei ältere Brüder,
01:48:34.898 -->
01:48:43.038die vorbereitet wurden, das Land zu regieren. Die beiden älteren Brüder fielen allerdings 1553 in der Schlacht von
01:48:43.038 -->
01:48:52.935Sievershausen. Eigentlich wäre also jetzt Julius Thronfolger gewesen. Wegen eines Unfalls in jungen Jahren hatte Julius
01:48:52.935 -->
01:49:00.221leicht deformierte Füße. Für das Reiten und Jagen interessierte er sich nicht. Das führte dazu, dass seine
01:49:00.221 -->
01:49:09.012Ausbildung auf eine kirchliche Laufbahn ausgerichtet wurde. Der Vorwurf, charakterlich ungeeignet für die Thronfolge zu
01:49:09.012 -->
01:49:16.702sein, hatte aber wohl auch damit zu tun, dass er sich vom katholischen Glauben des Vaters abgewandt hatte. Ich
01:49:16.702 -->
01:49:26.240polarisiere hier und falle dabei möglicherweise auf Agitation seiner Zeit herein. Mit seiner wild kriegerischen Art und
01:49:26.240 -->
01:49:35.155seinen zehn unehrlichen Kindern bot Heinrich der Jüngere einiges an Angriffsfläche. Gerade reformatorischen Kräften
01:49:35.155 -->
01:49:43.573diente er wohl auch als Spottfigur. Martin Luther, wie gesagt, ging in seiner Schrift »Wieder Hans Worst« auf ihn ein.
01:49:44.879 -->
01:49:52.179Es gibt aber auch andere Quellen, die etwa besagen, dass Heinrich der Jüngere zeitweise auch reformerische Ansätze
01:49:52.179 -->
01:50:01.699duldete, etwa das Abendmahl unter beiderlei Gestalt zuließ. 1528 warb er für eine militärische Unternehmung zur
01:50:01.699 -->
01:50:09.644Unterstützung Kaiser Karls V. in Italien den Heerführer Asche von Cramm an. Der war ein guter Freund Martin Luthers,
01:50:09.697 -->
01:50:18.877der wiederum aus Veranlassung des adeligen Ritters die 1526 erschienene Schrift »Ob Kriegsleute auch in seligem Stande
01:50:18.877 -->
01:50:27.142sein können« verfasste. Es gab immer wieder auch hochrangige Beamte am Hof Heinrich des Jüngeren, die sich offen zum
01:50:27.142 -->
01:50:36.388evangelischen Glauben bekannten. Im Jahr vor seinem Tod, im Jahre 1567, soll Heinrich der Jüngere dann erklärt haben,
01:50:36.388 -->
01:50:48.127die Confessio Augustana für wahr zu halten. Und auf dem Sterbelager... aber dazu gleich mehr. Julius, sein bekennend
01:50:48.127 -->
01:50:55.395evangelischer Sohn, beschäftigte sich auch nach Abschluss seines Studiums mit wissenschaftlichen Fragen, vor allem mit
01:50:55.395 -->
01:51:02.827Verwaltung und Wirtschaft. Und er erprobte seine Vorstellungen bereits im regionalen Rahmen. hatte sich zeitweise auf
01:51:02.827 -->
01:51:09.167ein Schloss in der Nähe der Residenz seines Vaters zurückgezogen. Und irgendwie macht es den Eindruck, als habe er
01:51:09.167 -->
01:51:16.664sich dort auf die Übernahme der Herrschaft vorbereitet. Verwaltung und Wirtschaft wurden dann nach seinem Amtseintritt
01:51:16.664 -->
01:51:25.412erneuert Bergbau und Hüttenwesen im Harz florierten. Wasserstraßen wurden schiffbar gemacht. Eine Waffenindustrie
01:51:25.412 -->
01:51:31.589etablierte sich in Wolfenbüttel. Die Gründung einer Universität in Helmstedt und natürlich ein gründlicher Umbau
01:51:31.589 -->
01:51:40.145der Kirche. Zwei Monate nach seinem Amtsantritt, im Jahr 1568, erklärte er den Übertritt seines Herzogtums zur
01:51:40.145 -->
01:51:50.461Reformation. Er verbot katholische Messen. Er erließ eine neue Kirchenordnung. Wikipedia fasst zusammen. Nach seinem
01:51:50.461 -->
01:52:00.041Tod 1589 hinterließ Julius seinem Sohn und Nachfolger Heinrich Julius ein wohlgeordnetes und finanziell gesundes
01:52:00.041 -->
01:52:10.717Fürstentum. Das hatte Heinrich der Jüngere lange zu verhindern versucht. Nach dem Tod seiner beiden ältesten Söhne
01:52:10.717 -->
01:52:20.487hatte er erneut geheiratet. Die Kinder aus dieser Ehe wären erbberechtigt gewesen. Julius wäre mit einer Leibrente
01:52:20.487 -->
01:52:32.086abgespeist worden. Allein die zweite Ehe blieb kinderlos. Zuletzt hatte Heinrich der Jüngere noch erwogen, eines seiner
01:52:32.086 -->
01:52:40.702zehn unehelichen Kinder durch den Papst legitimieren und zu seinem Nachfolger erklären zu lassen. Doch der auserkorene
01:52:40.702 -->
01:52:52.713uneheliche Sohn lehnte ab. 1568 verstarb Heinrich der Jüngere ohne einen Thronfolger, den er selbst zu Lebzeiten für
01:52:52.713 -->
01:53:03.095geeignet, und das hieß bei ihm wohl auch, für katholisch genug, gehalten hatte. 1568 war auch das Jahr, in dem in
01:53:03.095 -->
01:53:11.229Werden Paulus Bruyn vom Klostervogt für zwei Jahre auf der Burg Blankenstein interniert wurde, um die Wahl Heinrich
01:53:11.229 -->
01:53:19.539Dudens zum neuen Abt des Klosters Werden zu sichern. Der evangelische Sohn von Heinrich dem Jüngeren, Julius,
01:53:20.126 -->
01:53:29.675verkündete 1568, sein Vater habe auf dem Sterbebett noch die Wahrheit des lutherischen Glaubens erkannt. So wurde
01:53:29.675 -->
01:53:37.441Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig evangelisch beerdigt. Es wurden reformierte Lieder in deutscher Sprache
01:53:37.441 -->
01:53:47.077gesungen. In deutscher Sprache wurde gebetet. Der katholische Pfarrer durfte anwesend sein, aber sagen durfte er nichts.
01:53:48.144 -->
01:54:01.151Und die Leichenpredigt hielt Peter Ulner. Peter Ulner, der bis 1559 Hofprediger des Verstorbenen gewesen war. Und der
01:54:01.151 -->
01:54:10.151sich 1565, also drei Jahre vor dieser Beerdigung, offiziell zum lutherischen Glauben nach der Augsburger Konfession
01:54:10.151 -->
01:54:10.691bekannt hatte.
01:54:13.870 -->
01:54:21.880Mit dem evangelischen Sohn und Nachfolger des Verstorbenen, mit Julius, Fürst von Braunschweig-, Wolfenbüttel, stand
01:54:21.880 -->
01:54:32.294Peter Ulner bis zu dessen Tod 1589 in Briefkontakt. Und die 90er Jahre des 16. Jahrhunderts, um die Veränderungen und
01:54:32.294 -->
01:54:39.904Umbrüche in Werden in einen zeitlichen Bezug zu bringen, das war die Zeit, in der Franz Homberg sich radikalisierte,
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01:54:47.474nicht mehr fror und mit genügend Kleidern und Unterstützung der Stadt Werden dort eine evangelische Gemeinde
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01:54:58.025begründete. Am 6. September 1595 verstarb in Magdeburg Peter Ulner mit 71 Jahren.
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01:55:13.800Noch ein kurzes Statement zum Peter-Ulner-Platz. Meines Erachtens kann er gerade dann oder sogar nur dann ein Zeichen
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01:55:22.388für die Ökumene sein, wenn man den Namen Peter Ulners nicht mit falschen Lebensleistungen belastet. Gerade die
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01:55:30.263Tatsache, dass er im katholischen und dann später im evangelischen Glauben beheimatet war, lässt ihn geeignet
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01:55:33.133erscheinen, Vorbild für die Ökumene zu sein.
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01:55:42.918Und bei seinem Übertritt hinterließ er keine verbrannte Erde. Gerade deshalb, weil er keine mutigen Trennstriche
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01:55:50.018gezogen und keine dramatischen Gesten benötigt hat, weist seinen Lebenslauf auf die Gemeinsamkeiten der Konfessionen
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01:55:58.468hin. Meines Erachtens sollte der Platz von der Last der Lebensdaten befreit werden, die dem Reich der Fabel entstammen.
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01:56:07.960Danke fürs Zuhören. Am 15. Januar kommt die nächste Folge heraus. Es würde mich freuen, wenn ihr wieder dabei seid,
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01:56:08.190bei:
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01:56:09.943Der Name der Straße.
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01:56:19.531Gott, leck mich am Arsch! Entschuldige.
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01:56:20.772Geht das so?
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01:56:24.974Ja, das kann ich ja auch nicht so gut. Kon... su... tarial rat .
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01:56:28.262Boah, das ist ja vielleicht 'n Text, du!
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01:56:31.929Meine Güte, ist das ein Satz! Kein Komma, nix drin!